• vom 23.03.2012, 14:19 Uhr

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Update: 23.03.2012, 14:35 Uhr

Rezension

Gauß, Karl-Markus: Ruhm am Nachmittag




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Von Andreas Wirthensohn

  • Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß beweist im vierten Band seiner tagebuchartigen Notate abermals seine Schriftgelehrtheit und scharfsichtige Weltzugewandtheit.

Karl-Markus Gauß.

Karl-Markus Gauß.© Marko Lipus Karl-Markus Gauß.© Marko Lipus

1968 war es, da hat Andy Warhol prophezeit, in Zukunft werde jeder für 15 Minuten berühmt sein. Die Betonung lag dabei auf den 15 Minuten, auf der Vergänglichkeit von Ruhm in einer schon damals schnelllebigen Zeit. Heute würde man vermutlich eher den Jedermann in den Vordergrund rücken: In einer durchmedialisierten Welt kann es in der Tat jeder schaffen, zu einer Berühmtheit zu werden. Zur Not bastelt man sich sein eigenes YouTube-Video und hofft auf tausendfache Klicks, die Währung der Webgesellschaft. Oder man versucht sein Glück in einer der vielen Castingshows. An der geringen Haltbarkeit dieser Art von Ruhm wird das allerdings wenig ändern. Wer kennt heute noch die Supermodels oder die singenden Superstars vom letzten Jahr?

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Doch diese Sehnsucht nach dem kurzlebigen "Ruhm am Nachmittag" kann sich auch ganz anders, ganz fürchterlich manifestieren, wie Karl-Markus Gauß in einer brillanten, nicht einmal vier Seiten umfassenden Betrachtung des Amoklaufs von Winnenden zeigt. Im März 2009 erschoss dabei ein 17-Jähriger an einer Schule in Baden-Württemberg fünfzehn Menschen und anschließend sich selbst. "War das große Morden das Ziel, für das er lebte und starb", fragt Gauß. "Oder ist das Morden nicht vielmehr das Mittel gewesen, auf das er gekommen ist, um etwas zu erreichen, das er anders nicht erreichen konnte, von dem uns aber unablässig gelehrt wird, es zu erreichen sei des Lebens höchster Zweck?" Mag sein, dass dieser "Ruhm" etwas dauerhafter ist als üblich, aber auch er wird verblassen, "denn die sechzehn, die er umgelegt hat, sind das Maß, das die nächsten nehmen müssen, die den Ruhm des Killers suchen". So sind sie offenbar, die Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie.

Information

Karl-Markus Gauß: Ruhm am Nachmittag. Zsolnay, Wien 2012, 283 Seiten, 20,50 Euro.

Karl-Markus Gauß liest aus seinem neuen Buch am Donnerstag, dem 29. März 2012, um 19.00 Uhr in der Alten Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien.

"Ruhm am Nachmittag" ist der vierte Band mit tagebuchartigen Notaten, den Gauß vorlegt. Doch anders als bei den Vorgängerbänden "Mit mir, ohne mich" (2002), "Von nah, von fern" (2003) und "Zu früh, zu spät" (2007) spielt das diaristische Element diesmal kaum mehr eine Rolle. Die Beobachtungen, Leseeindrücke, Reiseerlebnisse, Porträts fügen sich vielmehr zu drei thematischen Blöcken, von denen vor allem der mittlere nachhaltig beeindruckt: "Kurze Chronik vom Leben und Sterben im Jahr 2009" ist er überschrieben, und was Gauß hier bietet, könnte man durchaus als eine Art Thanatologie bezeichnen: als Beschäftigung mit dem Tod, um seinen Schrecken zu bannen und ihn in die "Normalität" des Jahreslaufs aufzunehmen.

Noch stärker als früher tritt damit aber auch eines der Hauptmerkmale dieser literarischen "Journale" hervor: ihre Fähigkeit, die Weltwahrnehmung des Lesenden ordentlich aus den Bahnen zu werfen. Denn Gauß’ Muse ist nicht der Drang des Wissenden, anderen die Welt zu erklären, sondern der Zweifel an den scheinbaren Gewissheiten, die uns jeden Tag vor die Nase gehalten werden und an die wir uns nur allzu oft gerne klammern, um die Komplexität des Lebens ein wenig zu lindern.

Was Gauß über die Tagebücher des ungarischen Autors Sandor Márai schreibt, gilt auch für seine eigenen Journale: "Er schreibt also nicht, um der Welt Kenntnis zu geben von dem, wovon er selbst Kenntnis bereits gewonnen hat, sondern um sich in der täglichen Arbeit des Schreibens zu erschaffen, um diaristisch jenes Ich zu entwerfen, das er sein möchte und als das er sich, der Bürger, dem seine Welt verloren geht, behaupten will."

Gauß ist ohne Zweifel das, was man gerne einen homme de lettres nennt, ein Mann des geschriebenen Wortes. Doch diese "Schriftgelehrtheit" paart sich bei ihm auf das Wunderbarste mit einer scharfsichtigen Weltzugewandtheit, die noch der unscheinbarsten Wahrnehmung Erkenntnis entlocken kann. Insofern sind Gauß’ Journale nicht nur Erkundungen der eigenen Person, sondern auch Ethnographien des Alltags. Er habe "mit dem Tagebuch jene literarische Form gefunden, die seinen Talenten und Ambitionen völlig gemäß war".

Das sagt Gauß über Márai. Wir sind so frei und lassen diesen Satz auch für den gelten, der ihn gesprochen hat. Sein Ruhm währt hoffentlich länger als nur ein Viertelstündchen.




Schlagwörter

Rezension, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2012-03-23 14:26:06
Letzte Änderung am 2012-03-23 14:35:09


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