• vom 06.04.2012, 14:00 Uhr

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Update: 06.04.2012, 15:16 Uhr

Rezension

Modiano, Patrick: Im Café der verlorenen Jugend




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Von Ingeborg Waldinger

  • Patrick Modiano begibt sich erneut auf die Suche nach der eigenen Identität - und nach der verlorenen Zeit. Der Pariser Autor erhielt den "Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur 2012".

Pariser Schatten . . .

Pariser Schatten . . .© Foto: Bressani Pariser Schatten . . .© Foto: Bressani

Roland ist ein praktischer Name. "Und vor allem so französisch", - jedenfalls für Franzosen. Als Deckname bietet er die perfekte Schutzmaske. Etwa für jemanden, dessen eigener Name eher exotisch klingt und somit nur für unnützes Aufsehen sorgt. Dieser Jemand, ein Pariser Jungschriftsteller der frühen 1960er Jahre, ist Stammgast "Im Café der verlorenen Jugend". In Patrick Modianos gleichnamigem Roman fungiert Roland als einer von mehreren Ich-Erzählern - und als Alter Ego seines Schöpfers.


Dieses Namensspiel kann als Musterfall für Modianos literarisches Verfahren gelten, Identitäten zu klären und gleichzeitig zu relativieren. Mit subtiler Ironie verknüpft der 1945 geborene Pariser Autor - er ist Sohn eines italienisch-jüdischen Kaufmanns und einer flämischen Schauspielerin - seinen eigenen "exotischen" Namen mit jenem des (alt-)französischen Nationalhelden aus der "Chanson de Roland" (Rolandslied).

Jäger des Gestern
Diese Bezüge bleiben indes unausgesprochen: Modiano setzt auf eine kundige Leserschaft. Auf ein Publikum, das mit seiner Biographie und seinem Werk ebenso vertraut ist wie mit französischer Geschichte und Literatur. Erst mit dieser Folie offenbart sich die ganze Dimension der so poetischen wie obsessiven Erinnerungsarbeit dieses Autors.

"Im Café der verlorenen Jugend" übernehmen gleich vier Protagonisten die Aufgabe der Spurensuche und -sicherung: Ihre Wege kreuzen sich im Café Condé, einem Treffpunkt der studentischen und literarischen Bohème des linken Seineufers. Sie führen Personenregister, befragen Fotografien, erstellen Topographien - um sich ihrer eigenen Existenz und jener ihrer Gefährten zu vergewissern.

Information

Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser, München 2012, 160 Seiten, 17,40 Euro.

Sie sind Zeitzeugen einer Welt, die sie das eine Mal aus erlebter Gegenwart, dann wieder im Rückblick schildern. Ein verbürgtes Gesamtbild will sich aber nicht einstellen, was nicht verwundert: Die erinnerte Welt ist unwiederbringlich verloren. Dass Modianos Jäger des Gestern stets auch unliebsame Geister wachrufen, gehört zu ihrem Schicksal.

Ins Zentrum des Interesses rückt eine Person, deren Lebensfaden sich kaum fassen lässt. Roland macht ihre Bekanntschaft im Okkultistenclub des Guy de Vere. Auch der Name dieser Frau ist nur Maske: Louki. Sie ist die mystische Heldin des Romans. Eine Schattengestalt, deren Leben sich nur bruchstückhaft erschließt. Louki heißt mit bürgerlichem Namen Jacqueline Choureau und ist der sehr kurzen Ehe mit einem vermögenden Immobilienkaufmann entflohen. Nun irrlichtert die junge Frau zwischen Hotels, de Veres Salon und dem Café Condé. Zusammengenommen ergeben diese Zufluchtsorte einen Kataster, den Roland in seiner Schrift "Die neutralen Zonen" wie folgt charakterisiert: "Es gab in Paris Zwischenzonen, so etwas wie ein no man’s land, wo man am Rand von allem und jedem war, auf der Durchreise oder sogar in der Schwebe." Den Text widmet er Louki, mit der er eine Liaison beginnt. Allein: das schriftliche Zeugnis kommt ihm ebenso abhanden wie die geliebte Frau.

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Schlagwörter

Rezension, Extra, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-04-06 14:05:06
Letzte Änderung am 2012-04-06 15:16:31



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