Es gibt kaum Fotos von ihm. Und was man biografisch von ihm wusste, war, dass er in Mexiko lebte. Zumindest sandte er die Manuskripte von dort an seinen Verlag. Doch das Geheimnis um den Mann, der sich B. Traven nannte, ist keines mehr. Jan-Christoph Hauschild zeichnet in "B. Traven - die unbekannten Jahre" das Leben des Autors akribisch auf.
Dass B. Traven, dessen Romane "Das Totenschiff" und "Der Schatz der Sierra Madre" zumindest durch Verfilmungen heute noch ein Begriff sind, identisch war mit dem Anarchisten und Schauspieler Ret Marut, steht schon längere Zeit fest. Da aber wohl niemand auf der Welt Ret Marut heißt, war die nächste logische Frage, wer sich wohl hinter diesem Pseudonym verbergen könnte. Hauschild identifiziert einen gewissen Otto Feige.
Otto Feige?
Damit ist die Suche, wer sich nun hinter B. Traven wirklich verbirgt, bei ihrem Hauptproblem gelandet: Wen interessiert schon ein Otto Feige?
Otto Feige ist Ret Marut, und Ret Marut ist B. Traven

Für die Literaturwissenschaft ist es zweifellos wichtig, wenn die weißen Flecken ihrer Landkarte nach und nach Kontur und Farbe annehmen. Doch wer nicht zum engsten literaturwissenschaftlichen Zirkel gehört, verliert eher etwas, als dass er etwas gewinnt.
Wenn sich hinter diesem B. Traven wirklich ein unehelicher Sohn von Kaiser Wilhelm II. verborgen hätte oder Adolfo López Mateos, der von 1958 bis 1964 Präsident von Mexiko war - beide Möglichkeiten wurden kolportiert -, dann hätte die Entdeckung ein gewisses Prickeln. So aber muss man zugeben, dass die Frage "Wer ist B. Traven?" wesentlich spannender war als die Antwort.
Und als spannend wird die Frage von den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts, als das "Totenschiff" erscheint, bis lange über B. Travens Tod am 26. März 1969 in Mexiko-Stadt empfunden. B. Traven nämlich ist in dieser Zeit ein Erfolgsautor - und keineswegs einer, der einfach tolle Geschichten erzählt, sondern auch einer, der das mit hohem literarischen Anspruch macht; und seine Geschichten sind nicht allein spannend zu lesen, sie haben obendrein eine Botschaft: Es sind Bücher der Auflehnung gegen die Vertreter des Kapitalismus. Traven schreibt immer aus der Sicht des Unterprivilegierten - doch seine Protagonisten aus dem Proletariat haben Lebenskraft, nicht Mitleid ist ihr Begehr, sondern Anerkennung ihrer Rechte. Doch Traven bleibt nicht bei der Kapitalismuskritik stehen: Er macht auch die Unterdrückung der mexikanischen Indios zu seinem Thema - und das schon in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts. Damit bringt Traven die Befreiungsversuche der indigenen Völker seinen Lesern nahe - und es waren viele, sehr viele Leser.
B. Travens genialster Coup ist indessen sein absichtliches Aufgehen in der Anonymität. "Wenn der Mensch in seinen Werken nicht zu erkennen ist, dann ist entweder der Mensch nichts wert oder seine Werke sind nichts wert", begründet er seinen Schritt. Doch es steckt mehr dahinter.
Das Pseudonym war sicherlich aus der Not geboren, denn der ausgebildete Maschinenschlosser Feige, der sich zum angeblich amerikanischen Schauspieler Ret Marut gewandelt hatte, gerät als dieser mit dem Staat in Konflikt. Während der Münchner Räterepublik im Frühjahr 1919 übernimmt Marut das Amt eines Chefzensors und treibt die Sozialisierung der Presse voran. Als dann am 1. Mai 1919 Regierungstruppen und Freikorpsverbände die Räteherrschaft niederzuschlagen beginnen, wird Ret Marut als Rädelsführer verhaftet. Er kann vor der Gerichtsverhandlung fliehen, taucht, da er steckbrieflich gesucht wird, unter, kommt in die USA, dann wieder nach London, wo er in Abschiebehaft genommen wird. 1924 schließlich verschwindet Ret Marut von der Bildfläche, und in Mexiko erscheint ein Traven Torsvan.
Damit beginnt eine Kette endloser weiterer Mystifizierungen - ein Spiel, das Otto Feige, der Ret Marut war und nun B. Traven ist, glänzend beherrscht. Das aus der Not geborene Pseudonym, die Unkenntlichkeit des Menschen B. Traven - sie werden zu seinem Markenzeichen.
Und es ist ein fulminantes Markenzeichen. Denn in einer Zeit, in der die Autoren mit immer lautereren Stimmen auf sich und ihre Biografien aufmerksam machen, ist einer, der sich ganz hinter seinem Werk verbirgt, von vorneherein interessanter.
Wir kennen das schließlich auch aus unserer Gegenwart: Der Amerikaner Thomas Pynchon etwa ist gerade durch seinen völligen Rückzug aus der Öffentlichkeit und trotz der hohen Komplexität seiner Bücher zu einem Star der Pop-Kultur aufgestiegen. Immerhin hatte er sogar in der Zeichentrick-Serie "The Simpsons" drei Gastauftritte - als eine Figur, die über den Kopf eine Tüte mit einem Fragezeichen gestülpt hat. (Im amerikanischen Original spricht sich Pynchon übrigens selbst.)
Auch der deutsche Autor Patrick Süskind verbirgt sich fast vollständig hinter seiner literarischen Arbeit - dass seine Rolle als anonymer Star des Literaturbetriebs nur kurz war, hängt freilich mit seiner geringen Produktivität zusammen. Im Grunde gibt es von Süskind ein einziges Buch, das eine breite Öffentlichkeit erreichte, nämlich "Das Parfum", während seine Mitarbeiten an den erfolgreichen Fernseh-Serien "Der ganz normale Wahnsinn", "Monaco Franze", "Kir Royal" und am Film "Rossini - oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief" weitgehend übersehen und die Drehbücher einfach Helmut Dietl zugeschrieben werden.
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