• vom 13.04.2012, 14:18 Uhr

Bücher aktuell

Update: 13.04.2012, 14:46 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Randstücke der Realität

Augustin, Ernst: Robinsons blaues Haus


Von David Axmann

  • Der Roman "Robinsons blaues Haus" von Ernst Augustin.

Man muss ja nicht alles erklären sollen, was man liebt. Kennen Sie den kinetischen Künstler Jean Tinguely? Ich liebe seine motorenbetriebenen Maschinenplastiken, zusammengesetzt aus Draht, Blech, Schrottteilen und vielerlei anderen Fundstücken, inspiriert durch die Idee von der Wiedergeburt der Materie. Mir gefallen Tinguelys mit all ihren wirr verschrobenen Einzelteilen zu einer phantastisch-kuriosen Einheit sich verschränkenden Kunstgewächse, deren Lebenskraft Bewegung ist: eine scheinbar sinnlose Bewegung von kreischenden Rädern, quietschenden Kolben, ächzenden Gestängen, stöhnenden Walzen.

Information

Ernst Augustin: Robinsons blaues Haus. Roman. C.H. Beck Verlag, München 2012, 319 Seiten, 20,50 Euro.

Werbung

Herrlich! Wunderbar! Aber nur, solange niemand versucht, mir das Wunder zu erklären. Mir erzählen will, in welcher Tradition der Künstler steht, welchen Einflüssen er ausgesetzt war, was sein Werk eigentlich bedeuten soll und wie es überdies kunsthistorisch einzuordnen ist. Dieses mein Wunder da lebt in der Anschauung, nicht von der Analyse.

Lese ich Ernst Augustin, kommt mir Jean Tinguely in den Sinn. Obwohl der Schriftsteller natürlich nicht mit Altmetallen arbeitet, sondern mit frischen Gedanken. Nein, ich möchte nicht jenen mit diesem vergleichen; sehr wohl aber die Lust an der Anschauung, die hier wie dort zu empfinden ist; und ich möchte mir nicht erklären lassen, weshalb Augustin mir (richtigerweise) gefällt (oder dass ich ein ignoranter Schwärmer sei).

Ernst Augustin, geboren 1927 und vor seiner späten Berufung zum Romancier als Arzt und Psychiater tätig gewesen, verfügt über das faszinierende Talent, aus Randstücken der Realität phantastische Erzählskulpturen zusammenzubauen. Wohin man auch schaut, erfreut sich der Blick, entzückt sich die Empfindung. Was für Einfälle! Was für Abenteuer! Was für Sprachspiellust!

Das Thema des jüngsten Augustin-Romans ist die Geschichte einer permanenten Flucht, erzählt vom Flüchtling selbst. Der muss nach Vaters Tod, eines tüchtigen, doch unredlichen Geldwäschers, um sein Leben fürchten: denn die väterlich Betrogenen lechzen nach Rache.

Das auf entzückende Weise Faszinierende ist die Konstruktion der Bauelemente: jede Episode ein prosaisches Kleinod, es glitzert und funkelt und sprüht in vielerlei Stilformen, -arten und -brüchen, die Sprache tritt in bunter Verkleidung und toller Camouflage auf (dahinter sich das alte abendländische Identitätsproblem verbirgt), beherrscht den ironisch-präzisen Tonfall nicht minder sicher wie den eleganten Umgang mit schelmisch-lakonischem Poesieklang.

Der (dank Vaters Erbe übrigens steinreiche) Flüchtling ist nicht nur regelmäßig im Chatroom unterwegs (Nickname: Robinsonsuchtfreitag, Passwort: Fidschi), sondern auch auf dem realen Globus, von Grevesmühlen (nahe Schwerin) über Luxemburg, Lüttich, Athen, Warschau, London und New York bis in die Südsee - unentwegt sein Heil, das Glück, die Liebe suchend, sowie die Verwirklichung des Lebenssinns. Worin der besteht? "Aus nichts anderem als dem fortgesetzten Bemühen, sich wohnlich einzurichten. Einigermaßen."




Schlagwörter

Rezension, Extra

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-13 14:23:02
Letzte Änderung am 2012-04-13 14:46:45


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

Flämischer Politiker wütet gegen Comic

Schuiten - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen... weiter




Von Disney bis Underground

"Gratis-Comic-Tag" am 11. Mai

20130510Die Simpsons - Der Film - APAweb/dpa Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt... weiter



Werbung




Beliebte Inhalte



Solidarität, Unverständnis, aber auch Furcht und Hass machen sich in London breit. - APAweb/REUTERS/Luke MacGregor
  • Islamistischer Tathintergrund: Polizei geht von "einsamen Wölfen" aus.
  • weiter

Bundeskanzler Faymann tauscht die Position mit Luxemburg: Österreich kann sich jetzt einen Bankdatenaustausch bis Jahresende vorstellen, Luxemburg stellt plötzlich Bedingungen. - APAweb / Andy Wenzel
  • Luxemburg knüpft Zustimmung an Verhandlungsergebnis mit Drittstaaten.
  • weiter

20.000 Obdachlose leben allein auf den Straßen Athens. - APAweb / EPA / Orestis Panagiotou
  • Wer arbeitslos wird, landet schnell auf der Straße.
  • weiter

Eva Moser aus Graz bei der Eröffnung. - Johann Werfring
  • Internationales Damenschachturnier kommt nun in die heiße Phase.
  • weiter

"Bevor uns das Rohöl ausgeht, geht uns das Wasser aus" , ist Brabeck-Letmathe überzeugt. - dpa
  • Spitzenmanager über Europas Defizite und emotionale Debatten.
  • weiter

Haben die Wiener Senioren mehr Weitblick als die eigene Partei? - Rösner
  • Die "rote Basis" macht Urlaub - und schimpft über die (grüne) Stadtpolitik.
  • weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Eine erste Teststrecke beim Westbahnhof wurde grün angemalt. - APAweb / Georg Hochmuth
  • City-Chefin Stenzel: Grüne geben Steuergelder für Parteiwerbeaktion aus.
  • weiter





Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

Nach 28 Jahren stießen Biologen auf eine unbekannte Affenart in Afrika: die Lesula-Affen. Sie leben versteckt in der Lomami-Region in der Dem. Rep. Kongo und wurden nun von der Universität von Arizona für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Werbung