
Martin Roy, ein Intellektueller aus Bratislava, würde sich am liebsten nur mit dem Übersetzen literarischer Texte beschäftigen. Da dieser Plan jedoch aus ökonomischen Gründen nicht zu verwirklichen ist, lässt er sich zum Reiseleiter ausbilden, um amerikanische Pensionisten auf einer großen Donau-Kreuzfahrt begleiten zu können.
Was Martin unterwegs alles erlebt, erzählt Michal Hvorecky in seinem Roman "Tod auf der Donau"; und es stellt sich im Laufe dieser Geschichte heraus, dass die Rundumbetreuung amerikanischer Senioren kein Job für zartbesaitete Seelen ist. Gewiss gondeln die alten Herrschaften höchst vergnügt durch Südosteuropa, aber es muss seitens der Schiffsbesatzung doch sehr viel getan werden, damit die Reise von den Kunden im Rating-Fragebogen am Ende mit dem Prädikat "exzellent" bewertet wird.
Deshalb richtet man den Touristen eine Scheinwelt ein, die sie selbst nicht als solche durchschauen. So wird ihnen zum Beispiel an Bord immer das zur Landschaft passende Essen serviert: Fleischpflanzerln in Bayern, Tafelspitz in Wien, Pljeskavica in Serbien. Aber diese kulinarische Vielfalt wird überall von der immergleichen Kochbrigade angerichtet. Sie wurde vom amerikanischen Eigentümer des Schiffes engagiert - und zwar in Thailand, wo die Arbeitskräfte billiger sind als in Europa.
Auch bei den Landgängen speist man die Amerikaner mit kostengünstig hergestellten Fälschungen ab: Das original Wiener Symphonieorchester, das im Palais Liechtenstein aufspielt, besteht aus arbeitslosen Musikern osteuropäischer Herkunft. Und der alte Mann, der bei einem Stopp in Serbien als "Titos Leibkoch" auftritt, ist in Wahrheit ein Bettler, den man für diese Rolle angeworben hat. In satirischer Schärfe karikiert Hvorecky, der selbst Erfahrungen als Reiseleiter gesammelt hat, also den globalisierten Tourismus.
Das Schiff, das naturgemäß den Namen "America" trägt, beginnt seine Fahrt in Regensburg und versinkt rund drei Wochen später im Donaudelta - viele Passagiere und Besatzungsmitglieder finden im Wasser den Tod.
Dieses tragische Ende einer witzigen Geschichte mag auf den ersten Blick etwas aufgesetzt erscheinen. Liest man "Tod auf der Donau" jedoch mit derselben Liebe zum Detail, die der Autor beim Schreiben aufgebracht hat, dann erkennt man, dass sich der katastrophale Ausgang in vielen Einzelheiten ankündigt. Ein Beispiel: Schon im "Prolog" des Buches unterzieht sich Martin Roy während seiner Reiseleiterausbildung einer Katastrophenübung. Und das Verhalten, das er im allerersten Kapitel des Buches einübt, rettet ihm im Schluss-Showdown das Leben.
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