In Zeiten, in denen Nicht-Wissen und Nicht-Kennen jede Peinlichkeit verloren zu haben scheinen, gewöhnt man es sich ab, seine Umwelt in Bezug auf Lektüre zu missionieren. Mit Edith Whartons Roman "Ein altes Haus am Hudson River" mache ich eine Ausnahme von dieser Benimm-Regel, denn dieser bei Manesse erschienene Wälzer ist eines der eindrucksvollsten Panoramen amerikanischen (Geistes-)Lebens. Held der Geschichte ist der junge Vance Weston, der sich anschickt, in die Welt hinaus zu gehen und ein berühmter Schriftsteller zu werden.
Vances Familie kommt aus dem aufstrebenden Mittelstand im mittleren Westen. Sein Vorname leitet sich von "advance" ("vorrücken, fortschreiten") ab. Die Städte, in denen er seine Kindheit und Jugend verbracht hat, heißen Halleluja, Advance und Euphoria.
Dort huldigt man dem Götzen Geld und konsumiert alles, was man kaufen kann. Das Wort "alt" hat eine ausschließlich negative Bedeutung. In New York sind die Wertigkeiten anders: Da regiert der Geist, weiß Vance. Hier gibt es Dinge von Bestand, wie etwa das titelgebende Haus am Hudson River, das hundert Jahre alt ist.
Vance hat in seinen Lehr- und Wanderjahren Glück, und dennoch kommt er auf keinen grünen Zweig: Er publiziert eine Geschichte in einer einflussreichen Zeitschrift, lernt die Großen und Wichtigen des Betriebs kennen, verliebt sich, schreibt einen Roman. Alles wäre bestens, wenn er nicht weiterhin dieses Unverstandensein, diese Gehetztheit und nagende Unzufriedenheit spürte. Im Literaturbetrieb findet er keine Seelenverwandten. Auch in der Ehe mit seiner jungen Frau erfährt er kein Verständnis. Und zu allem Überfluss fehlt es an allen Ecken und Enden an Geld.
Als dieser Roman 1929 im Original erschien, war Edith Wharton knapp siebzig Jahre alt. Sie war eine bei Kritik und Leserschaft gleichermaßen erfolgreiche Autorin. Sie schildert die Lehrjahre des feurigen jungen Schreibtalents aus der innigen Kenntnis des Literaturbetriebs: Jedes Jahr wird ein neuer Superstar aus der Taufe gehoben, und im Jahr darauf ist sein Name vergessen. Vance jedoch hat noch einmal Glück. Er durchschreitet schauderhafte Tiefen und findet schließlich in Halo Spears eine Gefährtin, mit der das Leben als Schriftsteller nicht nur erträglich, sondern richtig schön zu werden verspricht.
Ungläubig, ja fast sprachlos nimmt der Leser dieses kecke Happy-End hin, doch in Rüdiger Görners Nachwort erfährt man, dass "Ein altes Haus am Hudson River" noch einen zweiten Teil hat, in dem das Glücksversprechen einer wohl strengen Prüfung unterzogen wird . . .
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