
Dieses Buch ist außergewöhnlich, seine Hinterlassenschaft einmalig: Der an einer unheilbaren Nervenkrankheit leidende Tony Judt trotzte, bereits am ganzen Körper gelähmt, seinen schlaflosen Nächten einen Prosaband mit Erinnerungen ab, die über seinen Tod am 6. August 2010 hinaus noch einmal seine Stellung als einer der herausragenden und moralisch hellwachsten Intellektuellen seiner Generation bezeugen.
Seine Krankheit - die höchst selten auftretende Amyotrophe Lateralsklerose - war wie lebendig Begrabenwerden: Zuletzt war nur mehr der Kopf beweglich, während der Körper, bereits unfähig zu jeder Regung, wie in die Erde eingemauert unter der Bettdecke lag. Um seinen Geist wach und wehrhaft zu halten, zwang sich Judt zu einem ungewöhnlichen Übungsprogramm für sein lokal orientiertes Gedächtnis: Ein Chalet in der Schweiz, in dem Tony einst als Kind glückliche Ferien mit seinen Eltern verbracht hatte, diente mit den verschiedenen Zimmern und Gängen dem moribunden Patienten als fiktive Aufbewahrungsstätte für seine nächtlichen Gedächtnisreisen. Am Morgen diktierte er dann, so lange er noch sprechen konnte, seinen Helfern die an den einzelnen Merkorten deponierten Erinnerungsstücke.
Diese Prosamedaillons sind so kostbar und anrührend wie Steine auf dem imaginären Grab des jüdischen Gelehrten mit kosmopolitischem Wesensgrund. 1948 in London in eine Familie hineingeboren, deren väterliche Wurzeln ins Ostjudentum zurückreichen, erwarb sich der in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Tony Judt mit Hilfe eines Begabten-stipendiums am renommierten Kings College in Cambridge und an der Pariser École normal supérieure das nötige Bildungsrüstzeug für seinen Aufstieg zu einem der wichtigsten Chronisten der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Nach Lehrtätigkeiten in Cambridge und Oxford wurde er 1987 an die New York University berufen. Zuletzt war er dort seit 1995 als Direktor des Erich-Maria-Remarque-Instituts für Europäische Studien tätig.
Tony Judts Vermächtnisbuch beschreibt zunächst vor allem eine innere Heimkehr nach England, eine erinnerungsselige und dabei ganz unsentimentale Rückkehr in seine Londoner Kindheit im Arbeiterviertel Putney, mit langen Bus- und Bootsfahrten, weitschweifenden Fahrrad-Streifzügen und Eisenbahn-Erkundungstouren des Heranwachsenden, der seine unbändige Neugier auf die vielfältigen Zusammenhänge der ihn belagernden Wirklichkeit nur zu stillen vermochte, indem er sich in großflächigen Einzelgänger-Aktionen zur Vergewisserung von Erfahrungen aufmachte. Indes, so treffsicher und atmosphärisch genau sich diese Alltagserinnerungen auch ausnehmen, nie unterlässt es das phänomenale Reflexionsvermögen des Intellektuellen, daraus ebenso verblüffende wie einleuchtende Rückschlüsse zu ziehen.
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