
Volker Klotz, geboren 1930, und Heinz Schlaffer, geboren 1939, haben vieles gemeinsam: Sie sind beide emeritierte Germanistik-Professoren, haben beide an der Universität Stuttgart gelehrt, und sie haben in der letzten Zeit jeweils ein Buch zum Thema "Lyrik" veröffentlicht. Beiden Büchern ist die profunde Kenntnis des lyrischen Kanons ebenso anzumerken wie das programmatische Desinteresse an der aktuellen Poesie: Die modernsten Gedichte, die Klotz beachtet, stammen von Bertolt Brecht, bzw. vom dichtenden Bären Winnie the Pooh; Schlaffer streut zwar hie und da ein sorgsam ausgewähltes zeitgenössisches Beispiel ein - aber nur dann, wenn es sich auf Vorgaben der Tradition beziehen lässt.
Ebenso wenig interessieren sich die beiden Emeriti für die derzeitige Germanistik. Klotz verzichtet völlig auf Sekundärliteratur, Schlaffer empfiehlt am Ende seines Buches zwar ein paar literaturwissenschaftliche Werke zum Thema, jedoch ist fast alles, was ihm gefällt, mindestens dreißig Jahre alt. Wer sich für konkrete Poesie, Computerlyrik und Poetry Slams interessiert, braucht also weder das eine noch das andere Buch zu Rate zu ziehen.
Wer sich allerdings der langen Tradition der Lyrik verbunden fühlt, wird sowohl von Klotz als auch von Schlaffer manches lernen können. Und damit sind die Gemeinsamkeiten zwischen den Verfassern endgültig erschöpft. Denn genau besehen könnten zwei Bücher zum selben Thema kaum unterschiedlicher sein als diese beiden.
Volker Klotz ist ein leidenschaftlicher Betrachter von Einzelfällen. Ihn beschäftigt nicht, was "die Lyrik" ist, stattdessen fragt er, wie "ein lyrisches Gedicht" beschaffen ist, und welche Wirkungen dieses - so und nicht anders verfasste - Gedicht auf den Leser ausüben kann. In seinen detailverliebten Analysen erweist sich Klotz als Meister des genauen Hinschauens und Hinhörens, dem jeder Zeilenbruch, jeder Reim, jede Assonanz beachtenswert ist.
Bewusst vermeidet Klotz dabei den berühmt-berüchtigten Tiefsinn jener sogenannten "Interpreten", die den Wortlaut eines Gedichts gering schätzen, weil sie nach dem "Sinn" suchen, der sich angeblich "hinter" den Worten verbirgt. Klotz ist nicht nur ein Freund der Einzelfälle, sondern auch ein Liebhaber des Wortlauts, der gründlich über den Wert einzelner Formulierungen nachdenkt. Warum beginnt Goethes Ode "Herbstgefühl" ganz und gar unvermittelt mit einem Komparativ: "Fetter grüne, du Laub / am Rebengeländer . . ."? Derartige Fragen erörtert die Studie "Verskunst" mit Genuss und Verstand.

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