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Update: 04.05.2012, 14:50 Uhr
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Péter Nádas setzt mit einem hochartifiziellen Roman über die deutsch-ungarische Geschichte neue Maßstäbe. Erzählerische Opulenz und enzyklopädischer Anspruch zeichnen das Werk aus.

Nádas, Péter: Parallelgeschichten


Von Peter Mohr

Enzyklopädist und Genauigkeitsfanatiker: Péter Nádas.

Enzyklopädist und Genauigkeitsfanatiker: Péter Nádas.Foto: Wikimedia Enzyklopädist und Genauigkeitsfanatiker: Péter Nádas.Foto: Wikimedia

Ohne lange Vorrede: Dieses Buch setzt neue Maßstäbe. 18 Jahre lang hat der Ungar Péter Nádas an diesem opulenten Wälzer gearbeitet, der 2005 im Original in drei Bänden - und nun auf Deutsch erschienen ist. Rätselhaft und vage hatte sich der Autor über sein Opus Magnum geäußert und erklärt, dass er "parallele Erinnerungen verschiedener Personen zu verschiedenen Zeiten" im Sinn gehabt habe. - "Und die verschiedenen Personen wären alle ich, ohne dass ich es wirklich wäre."

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Die "Parallelgeschichten" sind ein großes Zeitzeugnis in 39 bewegenden Kapiteln, ein hochartifizielles deutsch-ungarisches Geschichtsbuch des 20. Jahrhunderts. Peter Nádas, der seit seinem großen Roman "Buch der Erinnerung" (1985) immer wieder als Nobelpreiskandidat gehandelt wird, weiß genau, wovon er schreibt. Er ist Pendler zwischen den Welten, lebte in Budapest, Salzburg und Berlin, ehe er in Gombosszeg in der ungarischen Provinz sesshaft wurde.

Mächtige Polyphonie
Während sich in seinem "Buch der Erinnerung" noch alles um ein bürgerliches Ich drehte, geht es Nádas heute um die Polyphonie, um die Parallelität unterschiedlichster Stimmen und Per-spektiven. "Der Individualität sind die Reserven ausgegangen", hat der Autor in einem Interview erklärt. Die Verzahnung von deutschen und ungarischen Lebensläufen zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung, deren Eckpunkte der niedergeschlagene Aufstand des Jahres 1956 in Ungarn und der Mauerfall 1989 sind. Wie eine tiefschwarze Folie umhüllen die Untaten der Nationalsozialisten viele Handlungsstränge.

Information

Péter Nádas: Parallelgeschichten. Roman. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012, 1724 Seiten, 39,90 Euro.

Péter Nádas, der im Oktober seinen 70. Geburtstag feiert, fährt ein gigantisches Figurenensemble auf. Da wird eine Episode angerissen, dort ein Scheinwerferlicht hingehalten, eine neue Erzählsequenz begonnen, und irgendwann finden die Erzählfäden und auch viele Figuren wieder zusammen. Alles eine Frage der Geduld und des detektivischen Spürsinns.

Der Roman beginnt im Berliner Tiergarten im Jahr 1989. "Noch in dem denkwürdigen Jahr, als die berühmte Berliner Mauer fiel, stieß man unweit der verwitterten Marmorstatue der Königin Luise auf eine Leiche." Der Student Döhring findet beim morgendlichen Lauftraining den Toten. Kommissar Kienast verdächtigt alsbald den Jogger. Wer war der Mörder? Wer war der Tote? Und was ist mit dem Tatverdächtigen? Der Jogger taucht später in der Handlung noch einmal bei seiner Tante auf, einer spleenigen Kunsthändlerin in Düsseldorf . En passant erfahren wir auch, dass SS-Obersturmführer Döhring ein Vorfahre des Studenten war.

Der überwiegende Teil der Handlung ist im Budapest der 1960er Jahre angesiedelt; die von Misstrauen, Angst und Brutalität geprägte Atmosphäre des Kalten Krieges prägt das Buch nicht unwesentlich. Die Spuren des Zweiten Weltkriegs und der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes sind noch nicht verschwunden - weder in den Köpfen der Menschen noch im Stadtbild. Verwüstungen und Zerstörungen dominieren allenthalben. All diese Schrecklichkeiten, so lautet Nádas’ über der Handlung thronende These, haben in den Konzentrationslagern der Nazis ihre Wurzeln.

Manchmal lösen ganz kurze Erzählsequenzen tiefgehende Erschütterung aus: "Fast jeden Morgen sah ich einen Mann, der nur noch aus Rumpf bestand. Er schob sich zwischen den Beinen der Fußgänger auf einem Brett mit Rollen vorwärts. Er rollte aus der Szófia-Straße heraus, bremste mit den Händen, die in dicken Lederhandschuhen steckten. Er sagte die immer gleichen zwei Sätze. Wenn ich auf der anderen Seite um etwas Hilfe bitten darf."

Es wird unendlich viel gelitten; immer wieder begegnen wir mutterlosen Figuren, psychisch deformierten freudlosen Existenzen, und irgendwie glaubt man, alle wären ein Fall für die Couch des Psychiaters. Kristof ist so eine Figur, ein junger Mann, so zwiegespalten wie die Orte der Handlung. Er ist homosexuell, sucht den Schwulentreff auf der Budapester Margareteninsel auf, hat sich aber auch in Klara verliebt.

Bei Péter Nádas gibt es keine Tabus, weder inhaltlich noch ästhetisch. Er ist ein Schriftsteller, der aufs Ganze geht, kein taktierender Kompromisskünstler. "In die Hose zu machen, ist sehr gut, einerseits bequem, andererseits warm. Warum strafen meine Eltern mich, wenn ich das mache? Warum entziehen sie die Liebe? Das ist furchtbar!" Oder wenn er den unendlichen Liebesakt von Agóst und Gyöngyvér, diesen viertägigen Dauer-Koitus auf rund hundert Seiten anatomisch so detailliert beschreibt, als gehe es um die Gebrauchsanweisung eines technisch komplizierten Gerätes: Da scheint sich der geschärfte Blick des einstigen Fotografen Nádas in Worten Bahn zu brechen.

Dieser Autor leuchtet noch das kleinste Detail taghell aus, etwa dass ein Bettlaken über mehrere hundert Seiten hinweg (nach einem besonders intensiven Geschlechtsverkehr) noch nicht getrocknet war. Hier ist ein Pedant am Werk, ein Genauigkeitsfanatiker, der seine erzählerischen Wurzeln bei den großen Roman-ciers des 19. Jahrhunderts hat.




Schlagwörter

Rezension, Extra, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-04 14:02:05
Letzte Änderung am 2012-05-04 14:50:57


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