Schon wieder gilt es, Mr. Stevenson zu preisen, diesmal sogar Mr. und Mrs. Stevenson. Wie bekannt, übersiedelte das illustre Paar im Jahr 1890 in die Südsee. Robert Louis war sterbenskrank und hoffte, dass sein Zustand sich im milden Klima der Samoa-Inseln wenigstens nicht weiter verschlechtern würde. Aber natürlich spielten auch Abenteuerlust und romantische Träume vom ganz anderen Leben eine bedeutende Rolle bei der Entscheidung, sich von der Zivilisation auf immer zu verabschieden.
Ein paar Jahre waren ihm in Vailima auf der Insel Upolu noch beschieden, und wir verdanken dem Experiment in alternativer Lebensführung nun ein hochinteressantes literarisches Dokument (Fanny und Robert Louis Stevenson. Eine ungewöhnliche Ehe in Tagebüchern und Briefen. Hrsg. und übersetzt von Lucien Deprijck, mareverlag, Hamburg 2011, 395 S.). Aus den Briefen und Tagebüchern des Ehepaars entsteht hier zwanglos eine faszinierende Nah- und Momentaufnahme jener Epoche, die heute, meist kenntnisfrei und daher pauschal abwertend, ja anklagend "Kolonialismus" genannt wird. Die Wirklichkeit ist um vieles komplexer, verwirrender, eben lebendiger als die Vorstellung, die der politisch hochkorrekte Nachgeborene sich von ihr macht.
Insbesondere dank Fannys Tagebuch erleben wir hautnah die Mühen und Plagen mit, die es bedeutet, in einer fremden Welt sesshaft zu werden. Die Stevensons wollen auf Samoa ja nicht nur leben, schreiben und malen, sondern auch eine Farm aufbauen. Als erstes ist der Hühnerstall dran. "Mittendrin, als das Grundgerüst gerade stand, kam der Missionar, Mr Claxton, angeritten, um uns einen Besuch abzustatten. Als Gastgeberein gab ich ein trauriges Bild ab, beschmutzt, wie ich war, schäbig gekleidet, das Haar vom Wind zerzaust, mit einem blutenden Knöchel, wo ich mir die Haut aufgeschürft hatte . . ."
Während man sich mit widerspenstigen Pflanzen und Tieren herumschlägt und mit den Einheimischen, die als Arbeitskräfte angeworben und eingeschult werden müssen, auseinanderzusetzen hat, muss Mr. Stevenson ständig weiter dichten - von seinem Einkommen als weltbekannter Schriftsteller will eine vielköpfige Schar durchgefüttert werden.
Dazu kommen Kontakte und Konflikte mit den anderen weißen Zugewanderten, schließlich ein veritabler Bürgerkrieg oder Volksaufstand (oder was es denn genau war?), und die Ehe von Louis und Fanny hält der Belastung auch nur so halbwegs stand. So furchtbar mild ist das berühmte Südseeklima auch nicht, und dem fragilen Idyll ist keine lange Lebensdauer beschieden.
"Ich bin an dem Punkt angekommen, von dem aus ein Mann die Schattenseite des Daseins vollends überblickt, und habe einige Zeit an einem stillen Ort gelebt, an dem es ihm vergönnt ist, die kleinen Motive auszumachen, die er in der großen Welt vermisst, und tatsächlich bin ich heute fast geneigt, die Welt einen Irrtum zu nennen. Warum? Weil ich mich nicht mit erfolgreicher Arbeit berauscht habe, und mir dröhnt es in den Ohren von all den Banalitäten des Lebens, unliebsamen Banalitäten, von den nichtigsten bis zu den - nun, den recht großen. Die mich betreffen, sind recht groß, und doch betreffen sich mich bei näherer Betrachtung nicht im geringsten, abgesehen von der ewigen Bürde, immer weiter den Lebensunterhalt zu bestreiten."
So schreibt Stevenson im letzten der hier abgedruckten Briefe an einen Freund. Sein Traum, "sich ganz zurückzuziehen", wurde grausam wahr. Kurz darauf war er tot. Vailima wurde verkauft, der Rest der Familie ging zurück in die Welt, aus der er gekommen war. Was bleibt, ist eben nichts als ein Traum - und Stevensons Bücher, zu denen dieses hier einen unverzichtbaren Kommentarband darstellt.
Walter Klier, geboren 1955, lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.
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