Es ist eine altbekannte Weisheit unter denen, die sich auskennen in der Kultur: Großen Denkern und Schriftstellern nähert man sich am besten durch die Hintertür. Private Marotten, unbekannte Anekdoten, nebensächliche Dokumente und dergleichen mehr werfen in den besten Fällen ein ungleich aufschlussreicheres Licht auf große Geister als ein mühseliges Studium ihrer Hauptwerke oder die Lektüre einer monumentalen Biografie.
Franz Kafka gehört unzweifelhaft in die Kategorie der großen Schriftsteller, und Reiner Stach ist unbestritten sein bedeutsam-ster Biograf. Mit großer Spannung erwarten wir daher den letzten noch ausstehenden Teil seiner auf drei Teile angelegten Lebensbeschreibung des Prager Kultautors.
Wohl um uns die Wartezeit zu verkürzen, legt Stach nun eine Art Satellit zu seinem Biografieprojekt vor: "Ist das Kafka?" enthält 99 Fundstücke, die Stach bei Exkursionen in Archive und Bi-bliotheken in die Hände fielen, so etwa handschriftliche Zeugnisse, die etablierten Sichtweisen widersprechen, oder rätselhafte Fotografien.
Auch andere Dinge werden in dem Buch versammelt: widerstreitende Auskünfte über die Augenfarbe Kafkas etwa, der nach Meinung zahlenmäßig jeweils gleichstarker Gruppen von Auskunftsgebenden entweder dunkle, graue, braune oder blaue Augen gehabt haben soll. Ob mit dergleichen außer dem Nachweis, dass man sich auf Augenzeugen eben nicht verlassen kann, viel gewonnen ist, steht freilich auf einem anderen Blatt.
Leider verbleiben allzu viele der präsentierten Fundstücke auf einem ähnlich geringen Niveau der Erkenntnissteigerung. Dennoch finden sich auch eine Reihe von biografischen Details, die dem Kafka-Laien überraschende Einblicke ermöglichen - so etwa die Übersetzung der hebräischen Inschrift auf dem vielfach fotografierten Grabstein, ein Dokument über die mangelnde Prüderie des vermeintlich sexuell asketischen Schriftstellers oder Geschäftspläne des plötzlich gar nicht mehr so weltfremd wirkenden Autors.
Wahrhaft fesselnd wird Stachs Buch dort, wo er etwa Fotos von Kundgebungen abbildet, auf denen hunderte Menschen zu sehen sind, um die Titelfrage zu stellen: Ist das Kafka? So zeigt ein Bild, das 1920 in Meran aufgenommen wurde - zu einem Zeitpunkt, als auch Kafka in der Stadt weilte -, eine in der Vergrößerung tatsächlich stark an Kafka erinnernde Gestalt in der Menschenmenge. Faszinierend ist ebenso das Faksimile des berühmten Testaments, in dem Kafka um die Vernichtung seines literarischen Nachlasses bat; eine Verfügung, die sein Freund Max Brod zu unserem Glück missachtete.
In Stachs Sammelsurium lässt sich ohne Zweifel das eine oder andere von Interesse finden, doch stellt der Band unfreiwillig (oder auch nicht) erneut unter Beweis, dass die Beschäftigung mit Franz Kafka ein weites Feld eröffnet, das noch lange nicht so erschöpfend erforscht ist, wie die ins Gigantische angewachsene Sekundärliteratur über sein Werk und die Nachforschungen über sein Leben uns weismachen wollen.
Reiner Stach: War das Kafka? 99 Fundstücke. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2012, 338 Seiten, 20,60 Euro.
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