• vom 04.05.2012, 14:00 Uhr

Bücher aktuell

Update: 04.05.2012, 14:35 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Durch die Hintertür

Stach, Reiner: War das Kafka?


Von Uwe Schütte

Es ist eine altbekannte Weisheit unter denen, die sich auskennen in der Kultur: Großen Denkern und Schriftstellern nähert man sich am besten durch die Hintertür. Private Marotten, unbekannte Anekdoten, nebensächliche Dokumente und dergleichen mehr werfen in den besten Fällen ein ungleich aufschlussreicheres Licht auf große Geister als ein mühseliges Studium ihrer Hauptwerke oder die Lektüre einer monumentalen Biografie.

Werbung

Franz Kafka gehört unzweifelhaft in die Kategorie der großen Schriftsteller, und Reiner Stach ist unbestritten sein bedeutsam-ster Biograf. Mit großer Spannung erwarten wir daher den letzten noch ausstehenden Teil seiner auf drei Teile angelegten Lebensbeschreibung des Prager Kultautors.

Wohl um uns die Wartezeit zu verkürzen, legt Stach nun eine Art Satellit zu seinem Biografieprojekt vor: "Ist das Kafka?" enthält 99 Fundstücke, die Stach bei Exkursionen in Archive und Bi-bliotheken in die Hände fielen, so etwa handschriftliche Zeugnisse, die etablierten Sichtweisen widersprechen, oder rätselhafte Fotografien.

Auch andere Dinge werden in dem Buch versammelt: widerstreitende Auskünfte über die Augenfarbe Kafkas etwa, der nach Meinung zahlenmäßig jeweils gleichstarker Gruppen von Auskunftsgebenden entweder dunkle, graue, braune oder blaue Augen gehabt haben soll. Ob mit dergleichen außer dem Nachweis, dass man sich auf Augenzeugen eben nicht verlassen kann, viel gewonnen ist, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Leider verbleiben allzu viele der präsentierten Fundstücke auf einem ähnlich geringen Niveau der Erkenntnissteigerung. Dennoch finden sich auch eine Reihe von biografischen Details, die dem Kafka-Laien überraschende Einblicke ermöglichen - so etwa die Übersetzung der hebräischen Inschrift auf dem vielfach fotografierten Grabstein, ein Dokument über die mangelnde Prüderie des vermeintlich sexuell asketischen Schriftstellers oder Geschäftspläne des plötzlich gar nicht mehr so weltfremd wirkenden Autors.

Wahrhaft fesselnd wird Stachs Buch dort, wo er etwa Fotos von Kundgebungen abbildet, auf denen hunderte Menschen zu sehen sind, um die Titelfrage zu stellen: Ist das Kafka? So zeigt ein Bild, das 1920 in Meran aufgenommen wurde - zu einem Zeitpunkt, als auch Kafka in der Stadt weilte -, eine in der Vergrößerung tatsächlich stark an Kafka erinnernde Gestalt in der Menschenmenge. Faszinierend ist ebenso das Faksimile des berühmten Testaments, in dem Kafka um die Vernichtung seines literarischen Nachlasses bat; eine Verfügung, die sein Freund Max Brod zu unserem Glück missachtete.

In Stachs Sammelsurium lässt sich ohne Zweifel das eine oder andere von Interesse finden, doch stellt der Band unfreiwillig (oder auch nicht) erneut unter Beweis, dass die Beschäftigung mit Franz Kafka ein weites Feld eröffnet, das noch lange nicht so erschöpfend erforscht ist, wie die ins Gigantische angewachsene Sekundärliteratur über sein Werk und die Nachforschungen über sein Leben uns weismachen wollen.

Reiner Stach: War das Kafka? 99 Fundstücke. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2012, 338 Seiten, 20,60 Euro.




Schlagwörter

Rezension, Extra, Literatur

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-04 14:05:08
Letzte Änderung am 2012-05-04 14:35:33


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

Flämischer Politiker wütet gegen Comic

Schuiten - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen... weiter




Von Disney bis Underground

"Gratis-Comic-Tag" am 11. Mai

20130510Die Simpsons - Der Film - APAweb/dpa Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt... weiter



Werbung




Beliebte Inhalte



Budapest übt Schadensbegrenzung nach der Kritik des deutschen Außenministers Guido Westerwelle am ungarischen Premier Viktor Orban. Orban hatte Deutschland wegen eines Nazi-Vergleichs erzürnt, was Westerwelle als "bedauerliche Entgleisung, die wir klar zurückweisen", bezeichnete. - APAweb/EPA/MIGUEL A. LOPES Budapest/Berlin. Budapest übt Schadensbegrenzung nach der Kritik des deutschen Außenministers Guido Westerwelle am ungarischen Premier Viktor Orban...weiter

Ein tunesischer Polizistvor der Okba Ibn Nafaa Moschee in Kairouan,153 km südlich von Tunis. - EPAweb / MOHAMED MESSARA
  • Festnahmen von 200 mutmaßlichen Extremisten.
  • weiter

Haben die Wiener Senioren mehr Weitblick als die eigene Partei? - Rösner
  • Die "rote Basis" macht Urlaub - und schimpft über die (grüne) Stadtpolitik.
  • weiter

  • FCC pocht angeblich auf neue Kredite und auf Haftungen der Republik.
  • weiter

Volksschulwand vorher (links) und nachher (rechts) - Bild: Andreas Praefcke An einer Volksschule in Wien mussten nach dem Protest der Mutter einer Schülerin die Kreuze in allen Klassenzimmern entfernt werden...weiter

  • Der Streit um religiöse Symbole ist ein Nebenschauplatz
  • weiter

"Bevor uns das Rohöl ausgeht, geht uns das Wasser aus" , ist Brabeck-Letmathe überzeugt. - dpa
  • Spitzenmanager über Europas Defizite und emotionale Debatten.
  • weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter





Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

21. 5. 2013: Schwere Zeiten für Fans des glänzenden Metalls: Der Goldpreis erklimmt keine neuen Höhen mehr, das Interesse der Anleger ist merkbar gesunken. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung