Wer ständig zwischen verschiedenen politischen Territorien pendelt, fühlt sich oft in einem Niemandsland ausgesetzt. So ergeht es auch Mascha, der sympathischen, kämpferischen, selbstmitleidlosen und dennoch traurigen Heldin aus Olga Grjasnowas Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt".
Mascha, Aserbaidschanerin und Jüdin, immigrierte im Alter von elf Jahren nach traumatischen Erlebnissen mit ihrer Familie nach Deutschland. Ähnliche Schicksale verbinden - dementsprechend wählt Mascha ihre Freunde aus: "Sami war während des Bürgerkrieges in Beirut geboren worden. Albert, Samis Vater, war Schweizer, dessen Eltern Italiener und später Franzosen und er selbst Filialleiter einer Bank in Beirut. Kurz nach Samis Geburt wurden sie nach Paris versetzt, und Französisch wurde zu Samis eigentlicher Muttersprache. Als er dreizehn Jahre alt war, zog die Familie nach Frankfurt. Wenn Sami arabisch sprach, musste er oft französische Vokabeln zu Hilfe nehmen, Beirut kannte er nur von kurzen Urlaubsreisen, von Zeitungsbildern und den langen Telefonaten seiner Mutter mit den libanesischen Verwandten, an deren Ende sie immer weinte."
Poetisch ironisierend beschreibt der Titel des Romans ein Vorurteil, denn mit Vorurteilen haben die Protagonisten in diesem Roman zu kämpfen - mit jenen, die ihnen in Deutschland entgegengebracht werden, aber auch mit jenen, die sie selbst gegenüber der neuen Heimat oder den zurückgelassenen Heimatländern haben. Die jungen Leute sind redegewandt, beherrschen mehrere Sprachen perfekt, arbeiten zum Teil, wie Mascha, als Dolmetscher und finden dennoch keine Worte, wenn es darum geht, über die Traumata ihrer Vergangenheit zu reden. Oder sie tun das knapp, mit selbst verordneter Kaltblütigkeit: "1996 waren wir in Deutschland. 1997 dachte ich zum ersten Mal über Selbstmord nach." Und: "Die meisten Gewehrläufe, die ich sah, waren real."
Lamentieren nützt nichts, die Seele ist und bleibt ein Krisengebiet und auch die sexuellen Eskapaden können letztlich die Sehnsucht nach Heimat nicht stillen.
Beinahe exotisch nimmt sich in diesem Umfeld Maschas deutscher Freund Elias aus, dessen Eltern Horst und Elke heißen und in einem pfirsichfarbenen Haus im mediterranen Fertighausstil mit einer Eiche neben dem Eingang in der ostdeutschen Provinz wohnen. Elias gibt Mascha Geborgenheit. Als er stirbt, bringt Mascha die Welten, zwischen denen sie lebt, nicht mehr zusammen. Sie begibt sich für einen längeren Arbeitsaufenthalt nach Israel und damit auf eine Reise, die eine Fortsetzung jener Flucht ist, die bereits in der Kindheit begann.
Mit genauer Beobachtungsgabe, in einem Tonfall, der kein Selbstmitleid zulässt, aber auch mit Witz, Ironie, menschlicher Wärme und Klugheit berichtet die Ich-Erzählerin Mascha von ihren Erlebnissen, die stellvertretend sind für eine ganze Generation von jungen Menschen aus Migrations-Familien. Wie Mascha ist auch die Autorin Olga Grjasnowa gebürtige Aserbeidschanerin. Sie wurde 1984 in Baku geboren, wuchs im Kaukasus auf und absolvierte längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland und Israel. Sie schreibt auf Deutsch.
Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt. Roman. Hanser 2012, 285 Seiten, 19,40 Euro.
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