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Update: 11.05.2012, 16:08 Uhr
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Die Stuttgarter Autorin Anna Katharina Hahn zeichnet die ruhigen Wohnwelten des Bildungsbürgertums als verstörend fremdartige Gefilde und als Bühne subtiler Psychodramen.

Hahn, Anna Katharina: Am Schwarzen Berg


Von Jeannette Villachica

Anna K. Hahn.

Anna K. Hahn.Foto: Marko Lipuš Anna K. Hahn.Foto: Marko Lipuš

Es ist noch früh am Morgen, als Emil Bub seinen Balkon betritt, und doch spürt er schon die drückende Hitze, die seit Wochen über dem Stuttgarter Kessel liegt. Selbst hier, am Rande der Weinberge, ist die Schwüle schwer erträglich. Am Vorabend hatten Emil und seine Frau Veronika auf dem Balkon Cognac getrunken. "Er wusste nicht mehr, ob sie die ganze Flasche geleert hatten, erinnerte sich aber an den starken Duft des Geißblatts, das an der Dachrinne hochrankte, an die weit heraushängenden rosa Blütenzungen."

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Später hatte Veronika sich über die umgedrehten Schraubgläser lustig gemacht, die Carla, Peters Mutter, zum Abkühlen auf die Fensterbank gestellt hatte. "Der helle Schein aus der Küche der Nachbarn beleuchtete dunkelbraunes Zwetschgenmus, rubinrotes Träublesgelee." Die Bubs hatten sich gefragt, wann Peter, seine Frau und die zwei kleinen Söhne wieder einmal in sein Elternhaus am Schwarzen Berg kommen würden.

Anna Katharina Hahns zweiter Roman, "Am Schwarzen Berg", beginnt nicht nur harmlos, er spielt bis zum Schluss in äußerer Ruhe und Beschaulichkeit. Unstimmigkeiten werden subtil angedeutet, das Unbehagen des Lesers steigert sich, und der Roman endet mit einem Paukenschlag. Die drückende Atmosphäre schreibt man zunächst nur der unerträglichen Hitze zu. Im gleißenden Licht tritt jedes Insekt, jeder Geruch, die kleinste Geste, der flüchtigste Blick in Überschärfe zutage; alles wird liebevoll beschrieben und erzählt die Geschichte mit; nichts ist nur Dekor, aber es wird auch nichts erklärt.

Die Romane der Stuttgarter Schriftstellerin, die mit viel Lokalkolorit gespickt in Hahns Heimatstadt angesiedelt sind, könnten auch in anderen westdeutschen Städten spielen. Das Besondere an ihrer Literatur ist, dass sie in Sprache, Lebensgefühl und Zeitgeschehen ex-trem gegenwärtig ist. Durch Hahns kühlen, sezierenden Blick werden vertraute, völlig unspektakuläre Milieus plötzlich zu erschreckend fremdartigen Gefilden.

Information

Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg. Roman. Suhrkamp, Berlin 2012, 236 Seiten, 20,60 Euro.

An diesem Sommermorgen sieht Emil auf dem Nachbargrundstück einen völlig verwahrlosten Mann und ist erschüttert, als er in ihm Peter erkennt. Vor Jahrzehnten, als Dr. Hajo Rau samt Gattin und ihrem kleinen Sohn Peter nebenan einzogen, waren die Bubs skeptisch. Ob die ehrgeizigen, spießigen Nachbarn so gut zu ihrer eigenen Laisser-faire-Haltung passen würden? Außerdem hatte Veronika sich mittlerweile an ihre Kinderlosigkeit gewöhnt. Doch es dauerte nicht lange, da hatte der feingeistige und naturliebende Peter sich in den Herzen des Gymnasiallehrers und der Bibliothekarin eingenistet; heimlich beneideten sie seine leiblichen Eltern um ihn. Emil schenkte Peter viel Zeit und ein Aquarium, er erklärte ihm die heimische Flora und Fauna. Es gelang ihm sogar, Peter mit seiner Mörike-Begeisterung anzustecken. Gemeinsam wandelten sie auf den Spuren des schwäbischen Dichters und rezitierten: "Am schwarzen Berg da steht der Riese, steht hoch der Mond darüber her . . .".

Jetzt war Peter nur noch ein Schatten seiner selbst. Seit seine Frau Mia mit den kleinen Söhnen verschwunden ist, verschanzt er sich im dunklen Zimmer und ist nicht ansprechbar. Seine vier Schutzengel, wie Mia seine Eltern und die Bubs immer nannte, versuchen jeder auf seine Weise zu helfen. Auch hier bleibt der Blick der Autorin glasklar: für sie geht Liebe immer von sich selbst aus.

Später erfahren wir von Mias enttäuschten Hoffnungen: Während sie, Tochter einer alleinerziehenden Putzfrau, vom sozialen Aufstieg an der Seite des Arztsohns träumte, feilte Peter lieber an seiner Aussteiger-Karriere; nirgends fühlte er sich wohler als mit seinen Söhnen im Kreise von "Stuttgart 21"-Gegnern im Schlossgarten. Sozialromantik contra Leistungswille.

In Hahns erstem Roman, "Kürzere Tage", taten junge Mütter einiges dafür, um im schmucken Altbau in zentraler Lage wohnen zu können statt im sozialen Brennpunkt nebenan. Der Kampf um den sozialen Status, Nachbarschaft, Mutterschaft, Vaterschaft, Zusammenleben der Generationen und Heimatverbundenheit sind Themen in beiden Romanen. Die Autorin zoomt auf den Mikrokosmos in jeweils einer Straße, wenn auch in verschiedenen Lagen der Stadt, und zeigt in Nahaufnahme, wie unterschiedlich Lebensentwürfe und die Art zu denken von Nachbarn, ja sogar von Partnern sein können.

Hahn entwirft individuelle Psychodramen, zeichnet darüber hinaus ein melancholisches Stimmungsbild des deutschen Bildungsbürgertums und weist in diesem Roman, manchmal mit nur einem Satz, auf bevorstehende soziale Veränderungen hin. Was kann ein Roman Faszinierenderes leisten, als uns die eigene kleine Welt ganz neu und aufregend zu zeigen!?




Schlagwörter

Rezension, Extra, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-11 15:41:05
Letzte Änderung am 2012-05-11 16:08:59


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