Am Abend seines 21. Geburtstags steht Tristan Sadler in einem Hotel im englischen Norwich und will nur eines: sich auf dem Bett seines Hotelzimmers ausstrecken und Kräfte für den nächsten Tag sammeln. Am 16. September 1919 wird er endlich Marian Bancroft treffen, die Schwester seines Freundes Will, und ihr die Briefe überreichen, die sie Will bis zu dessen Tod zuerst ins Ausbildungslager Aldershot und dann an die Front in der Normandie geschickt hatte. Tristan hat fest vor, ihr nicht nur von seiner innigen Freundschaft zu Will zu erzählen, sondern auch von Wills Gesinnungswandel und ihrer Entfremdung, von Wills letzten Tagen und der Rolle, die er, Tristan, darin spielte.
In John Boynes fesselndem neuen Roman "Das späte Geständnis des Tristan Sadler" geht es, wie in den anderen Romanen und Jugendbüchern des irischen Schriftstellers, um die großen zwischenmenschlichen Themen vor dem Hintergrund dramatischer historischer Ereignisse.
Sinnloser Tod
Mit "Der Junge im gestreiften Pyjama", der Geschichte einer Freundschaft zwischen dem Sohn eines SS-Offiziers und einem jüdischen Jungen, die auch im Kino sehr erfolgreich war, wurde Boyne international bekannt.
Nun erzählt er die Geschichte eines jungen Engländers vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Tristans Leben steht für das seiner ganzen Generation: die anfängliche Kriegsbegeisterung, die schrecklichen Erlebnisse auf den Schlachtfeldern, die Erfahrung, dass sich zu Hause nicht viel verändert hat, obwohl er und seine Kameraden durch die Hölle gegangen sind, und die Frage, wofür es sich zu sterben lohnt.
Der Konflikt, der diese Geschichte vorantreibt und den Roman auch zu einem Gesellschaftsroman macht, drängt Tristan in die Außenseiterrolle: Er wird von der Schule verwiesen, von der Familie verstoßen, selbst Will wendet sich von ihm ab. Vielleicht übertreibt Boyne etwas mit dem, was er seiner Hauptfigur alles antut: Tristans Vater wünscht seinem Sohn den baldigen Tod, als der ihm erzählt, dass er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat. Tristan erholt sich nie von seinem vernichtenden Selbstbild und den Schuldgefühlen. Was genau dieser Antiheld sich nie verzeihen wird, verrät Boyne erst auf den letzten Seiten.
Tristan, der Metzgersohn, arbeitet nun in einem Londoner Verlag. Die Literatur ermöglicht ihm kleine Auszeiten von seinen quälenden Erinnerungen und nimmt in seinem Leben immer mehr Raum ein. Nachts aber kommen die Dämonen und rauben ihm den Schlaf. In seinem Hotel wird er beim Einchecken mit einer "Sache" konfrontiert, die ihm zunächst furchtbar banal erscheint, ihn jedoch daran hindert, sein Zimmer zu beziehen. Mit seinem exzellenten Gefühl für Dramaturgie macht Boyne bereits in dieser großen Szene klar, welche Themen den Roman und Tristans Leben bestimmen: Letztlich dreht sich alles um Moral, Schuld, Scham, Sühne und Vergebung.
Als Leser springt man zwischen den Kriegserlebnissen und Tristans Begegnung mit Marian hin und her. Boyne ermöglicht das völlige Abtauchen, egal, worüber er - in zeitloser Sprache - schreibt. Als dieser Roman im Original erschien, meinte ein Kritiker: "Ein Buch mit dem Zeug zum Klassiker". Das Zeug zum Klassiker, wenngleich zum Jugendbuchklassiker, hat auch "Der Junge mit dem Herz aus Holz", eine märchenhafte Parabel über den Trost des Erzählens.
Magische Abenteuer
Als der achtjährige Noah Barleywater von zu Hause wegläuft, erlebt er merkwürdige Dinge: Ein Apfelbaum verweigert ihm seine Früchte, und die Äpfel zittern vor Angst. Lebewesen, denen er unterwegs begegnet, verhalten sich sehr abweisend.
Doch dann landet Noah im Laden eines wunderlichen Spielzeugmachers, dessen Spielsachen ein Eigenleben führen: Die Uhr Alexander etwa kann es gar nicht leiden, wenn man sie zu lange ansieht, das bringt sie aus dem Takt. Selbst die Türen und Dielenbretter sind lebendig. All das versetzt Noah ebenso ins Staunen wie die Geschichten, die der alte Mann von sich als Kind erzählt und von seinem Vater, dessen Laden er geerbt hat. Noah erfährt von kleinen Wundern und großen Abenteuern, von der Freiheit, die jeder braucht, aber auch davon, dass man sich auf andere verlassen können muss. Ein Buch, das tief berührt ohne kitschig zu sein.
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