Vor über hundert Jahren verbrachte der Schriftsteller Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) gegen Ende seines Lebens, kurz nach der Fertigstellung seiner Novelle "Angela Borgia" (1891), eine Zeit in der psychiatrischen Heilanstalt Königsfelden. Es war nicht das erste Mal, dass Meyer, der zusammen mit Gottfried Keller zu den herausragenden Schweizer Schriftstellern des 19. Jahrhunderts gehörte, an Depressionen litt, und es war nicht der erste Aufenthalt in einer solchen Anstalt. Meyer bekam dort regelmäßigen Besuch des Gymnasiasten Konrad Liechti, der einen Sommer lang als Hilfswärter in der Irrenanstalt arbeitete und von seinem Deutschlehrer den Auftrag bekommen hatte, dem Schriftsteller ein guter Zuhörer zu sein.
Diese Figurenkonstellation stellt Ernst Strebel in den Mittelpunkt seines zweiten Romans, "Ein Letztes noch" vor, wobei der 59-jährige Schriftsteller selbst in die Rolle eines Herausgebers schlüpft, der von sich behauptet, die Aufzeichnungen Liechtis im Archiv der Alten Kantonschule Aarau dank einer glücklichen Fügung gefunden zu haben und nun veröffentliche - mitsamt der Korrekturen von Konrads Lehrer.
Was sich dem Leser offenbart, ist ein virtuoses Vexierspiel. Unter einer "schwarzschattenen Kastanie" - in Anlehnung an eines der berühmtesten Meyer-Gedichte - erzählt der alte Schriftsteller dem jungen Konrad von seinem letzten Projekt, einer Novelle, die von einer tragischen Liebesgeschichte handelt, die in Königsfelden ihren Anfang nahm; von einem Arzt, der sich in eine Patientin verliebte, diese heiratete und ihr in den Tod half, wohin er ihr folgte.
Konrad Liechti, ein aufgeweckter und für sein Alter erstaunlich belesener junger Mann, begnügt sich nicht damit, die Worte Meyers wie ein Protokollant wiederzugeben, er sieht sich vielmehr als "Konspirator" des großen Dichters, als Mitdenker und als Mitfühlender. Er taucht nicht nur in die Meyersche Welt ein, sondern auch in jene des Klinikalltags. Nach und nach lernt er das Personal und die Patienten kennen, darunter auch Theodor Strobel, der an "Spaltungsirrsinn" und am "Morbus sacer" leidet, was sich im festen Willen manifestiert, die Welt mit einem "Heiligen Sankt Fahrplan" in die richtige Bahn zu lenken. An dessen Seite Georg Gemperle, "Graph zu Gebenstorf, Kronprinz des Kantons Aargau", der dazu berufen ist, den Weltuhrbahnhof zu entwerfen, zu welchem Strobels Fahrplan führen wird. Des Schülers Aufzeichnungen werden zur Novelle über eine erzählte Novelle.
Ernst Strebel gelingt mit "Ein Letztes noch" ein so poetischer wie zutiefst existenzieller Roman. Der Leser taucht ein in eine Zeit vor hundert Jahren, in eine Atmosphäre, die im besten Sinn authentisch ist. Gleichwohl bleibt der Roman nicht in der Vergangenheit verhaftet, sondern wirft jene letzten Fragen auf, die von Generation zu Generation weitergereicht werden. Fragen, die auch einen anderen Schweizer Schriftsteller beschäftigten, der sich vor nicht allzu langer Zeit in dieselbe Klinik einwiesen ließ: Hermann Burger.
Ernst Strebel: Ein Letztes noch. Roman. Limmat Verlag, Zürich 2010, 175 Seiten, 23,50 Euro.
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