
Eine Frau, sie heißt Neith, sitzt unter einem Baum und webt. Ein Stoff entsteht, der als Leichentuch dienen soll, und dann doch für einen ganz anderen Zweck verwendet wird. Während sie die Fäden knüpft, die Textur des Gewebes durch ihrer Hände Arbeit erschafft, lauscht sie den Erzählungen eines Mannes. Der heißt Joseph. Jener Joseph, der in den Evangelien und in der Ikonografie des Katholizismus eine untergeordnete Rolle spielt als Mann von Maria, der Mutter Jesu.
Neith, die Ägypterin, webt - er erzählt. Erzählt davon, was ihm zustieß: wie er seinen ersten Sohn namens Jesus verlor, wie Maria ohne sein Zutun schwanger wurde, wie Gott von ihm verlangte, seinen zweiten Sohn zu opfern, wie er später untot unter den Menschen umherging und unter die Räuber geriet, bis er schließlich auf Neith traf, um ihr seine Geschichte zu berichten.
Dass sich dabei unerwartete Kreise schließen, sinnige Koinzidenzen plötzlich als Teile einer übergreifenden Ordnung erkennbar werden, sorgt bei Neith für eine existenzielle Erschütterung, wie sie auch den Lesern der Bücher von Patrick Roth nicht fremd sein dürfte. Dieser seit nunmehr bald 40 Jahren in den USA lebende Autor deutscher Sprache ist ein erratischer Solitär in der Gegenwartsliteratur. Dies nicht nur aufgrund seiner insistenten Beschäftigung mit biblischen Stoffen, sondern insbesondere wegen seiner literarischen Begabung.
Roths Romane und Erzählungen sind ähnlich dicht verwebt wie die Textur des Stoffes von Neith - kein Detail seiner Texte ist akzidentiell, alles gehört zusammen und ergibt ein Gewebe an Motiven, Hin- und Rückverweisen und Korrespondenzen, die das erfordern und belohnen, was wahre Literatur auszeichnet: jene wiederholte konzentrierte Lektüre, durch die sich erst die ganze Kunstfertigkeit seiner Bücher erschließt.
Roth setzt auf Qualität vor Quantität - acht Jahre sind seit der Publikation seines grandiosen Erzählungsbands "Starlite Terrace" vergangen. Das Warten aber hat sich gelohnt. Mit über 500 Seiten repräsentiert "Sunrise" in jeder Hinsicht das Opus magnum Roths. Sich dem in archaisierendem Bibelduktus geschriebenen Roman auszusetzen, ist eine literarische Erfahrung der anderen Art, in der eine Welt entsteht, die jenseits der sogenannten Heiligen Schrift wie unserer Alltagsrealität liegt. Es ist vielmehr eine Reise in das, was Freud einmal das "wahre innere Afrika" bezeichnete, eine Expedition in unser seelisches Innenleben also. Nicht dass Roth ein Freud-Adept wäre. Eher im Gegenteil. Wie in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen dargelegt, ist es vielmehr C.G. Jungs Archetypenlehre, die er als Arbeitsmethode für sein Schreiben fruchtbar gemacht hat.
Für uns Leser aber spielt die Provenienz seiner poetologischen Herangehensweise eine eher geringe Rolle. Was vielmehr zählt, ist die literarische Leistung. Roth nämlich gelingt es, einen befremdlichen, unheimlichen Imaginationsraum zu eröffnen - eine Welt, in der es keine Zufälle gibt, sondern ein alldurchdringendes Prinzip waltet, an dem der Mensch erkennt, wie selbstbetrügerisch die Idee individueller Autonomie eigentlich ist. Eine Welt, in welcher der Traum sein Recht in der Wirklichkeit behauptet und in seiner Rätselhaftigkeit als Erkenntnisinstrument nutzbar gemacht wird, indem Roth Kraft der Sprache enigmatische Visionen von der Bildkraft eines David Lynch evoziert.
Indem "Sunrise" von den Verstrickungen des unschuldig schuldig gewordenen Joseph erzählt, erzeugt der Text verstörend nachwirkende Traumbilder, die uns gleich den Romanfiguren dazu anhalten, das rationale Denken hintanzustellen, damit die eigentliche Wahrheit, die in uns bereit liegt, erfahren werden kann.
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