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Update: 25.05.2012, 15:38 Uhr
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Meisterliches Epitaph

Mall, Sepp: Berliner Zimmer


Von Markus Bundi

  • Sepp Malls virtuoser Roman "Berliner Zimmer".

"Niemand hatte gedacht, dass es so schnell gehen würde, ich hatte Vater drei Tage zuvor zur Therapie gebracht und mich mit ihm für die Rückreise verabredet." Doch nicht nur Johannes, der Protagonist von Sepp Malls Roman, wird auf dem falschen Fuß erwischt, sein Bruder Gregor gerät völlig aus dem Tritt, glaubt plötzlich, der tote Vater stünde vor der Tür . . . Während sich die Mutter der beiden in ihre Demenz flüchtet, regelt Johann die Formalitäten. Und muss sich derweil eingestehen, vom eigenen Vater eigentlich nichts zu wissen, schon gar von dessen Vorgeschichte als Wehrmachtssoldat, Vaters Dienstzeit in Berlin, worüber - keiner weiß wie - alle Unterlagen verschwunden sind.

Information

Sepp Mall: Berliner Zimmer. Roman. Haymon Verlag, Innsbruck 2012, 188 Seiten, 19,90 Euro.

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Das Nichtwissen wie auch das schlechte Gewissen, bei Vaters Tod nicht am Bett gestanden zu sein, lassen Johannes keine Ruhe, sodass er beschließt, einen Kongressbesuch in Berlin für eigene Recherchen zu nutzen, jene Frau zu finden, von der ihm nur der Name genannt wurde: Klara Hubmann. Sie soll einst die Geliebte des jungen Südtirolers Erwin Stockner gewesen sein. Tatsächlich findet er die alte Frau, die ein Leben lang auf ein Zeichen ihres Geliebten gewartet hat, erfährt, wie sich die beiden 1944 bei einem Bombenangriff im Keller kennen und wenig später lieben gelernt haben. Johannes erfährt das nicht nur von Klara - auch der Vater hat sich dazugesellt, sein Vater, der doch jenseits der Alpen auf dem städtischen Friedhof liegt, Feld B, Reihe 18! - Tatsächlich?

Bei der ersten Begegnung mit der alten Frau Hubmann wollte sich diese noch nicht erinnern und bat Johannes um ein Foto des Mannes. Kurz darauf kauft Johannes für seine Tochter ein Schreibheft, das er aber, zurück in der Pension - in seinem Berliner Zimmer -, selber in Gebrauch nimmt: "Je länger ich schrieb, desto deutlicher wurde mir, dass man mithilfe von ein paar Sätzen imstande war, eine Wirklichkeit zu konstruieren, und dass man diese zwei Sekunden später wieder zerstören konnte, als wäre nichts geschehen."

Das ist der Schlüssel, mit dem Johannes seinen Vorstellungsraum öffnet. Spätestens von diesem Zeitpunkt an vermag der Leser kaum noch zu unterscheiden, was sich in Berlin tatsächlich abspielt und was Johannes sich lediglich vorstellt. Das Titel gebende "Berliner Zimmer" wird zum Ort eines virtuosen Kammerspiels, in das sich auch Johannes’ Tochter einschaltet, als sie ihm am Telefon die Geschichte von Orpheus und Eurydike vorliest, die sie für die Schule geschrieben hat. In Johannes’ Kopf überlagern sich die Geschichten, Klara und sein Vater gehen aufeinander zu, plötzlich sieht er die beiden auf einer Überwachungskamera einer U-Bahn-Station, Sehnsucht und Zeit ballen sich in jenem Moment.

Orpheus oder Morpheus? Forderte der Vater vom Sohn erst noch, er solle ihm sein Leben lassen, gesteht er ihm wenig später, er habe sich verlaufen in seiner Verwirrung und alles sei vergebens: "Das ist der Traum, der mich verfolgt bis heute". Dann, wiederum ermahnt sich Johannes seiner Träume, behauptet trotzig: "Ab jetzt ist alles real." Offen bleibt, ob sein Bruder Gregor samt Frau ebenfalls in Berlin auftaucht oder nicht. Dass er, Johannes, mit Angelina - um doch "noch ein bisschen Trost zu finden" - im Bett landet, entspricht gewiss seiner Sehnsucht; womöglich aber bleibt Angelina nur der kleine Engel seiner Wunschträume.

"Berliner Zimmer" ist kein Roman vom literarischen Fließband, der 1955 geborene Schriftsteller aus Meran ist auch kein Schnellbrüter: In den letzten zehn Jahren veröffentlichte er einzig den Gedichtband "Wo ist dein Haus" (2007) und den Roman "Wundränder" (2004). Zwischen Träumen und Wachen, zwischen Leben und Tod, auf dieser Schwelle (es ist ein und dieselbe) oszilliert Malls neuer Roman, der durch die sorgfältige wie gekonnte Verknüpfung der Motive wie durch seine sprachliche Leichtigkeit besticht. Die eine Figur wird zum Stellvertreter der anderen in einem Vexierspiel, wo die Gesetze von Raum und Zeit aufgehoben scheinen. Paradox oder nicht: Eine präzise Intuition hält dieses meisterliche Epitaph im labilen Gleichgewicht und den Leser in einem Schwindel erregenden, zugleich faszinierenden Schwebezustand.




Schlagwörter

Rezension, Extra, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-25 15:32:10
Letzte Änderung am 2012-05-25 15:38:40


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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