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Update: 11.05.2011, 19:34 Uhr
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Sehr schwer nachprüfbare Tschernobyl-Reminiszenzen

Tkachuk, Anatoly N.: Ich war im Sarkophag von Tschernobyl


Von Heiner Boberski

  • Bestseller, in dem Romanhaftes die Fakten überlagert.
  • Wien. Wie das Kapitel Fukushima ist auch das Kapitel Tschernobyl angesichts des desolaten Sarkophags, der schleunigst ersetzt gehört, nach 25 Jahren noch lange nicht zu Ende.

Anatoly Tkatchuk sorgt für Diskussionen. Foto: apa

Anatoly Tkatchuk sorgt für Diskussionen. Foto: apa Anatoly Tkatchuk sorgt für Diskussionen. Foto: apa

Wer sich nun von Anatoly N. Tkachuks aktuellem Werk "Ich war im Sarkophag von Tschernobyl - der Bericht des Überlebenden" eine sachliche Dokumentation der Reaktorkatastrophe von 1986 erwartet, wird sich freilich wundern. Das Buch entpuppt sich vielmehr als Agententhriller, der kryptisch andeutet, die Amerikaner könnten durch ein künstlich erzeugtes Erdbeben das Unheil ausgelöst haben. Die Hauptfiguren tragen erfundene Namen, auch der Autor schreibt von sich in der dritten Person, die er Andrey Pravdin nennt und als wahren Helden darstellt. Dafür illustriert er das Buch umso mehr mit Bildern und Dokumenten von sich selbst.

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Der Inhalt ist schwer nachprüfbar, Höhepunkt ist das Eindringen eines Teams von vier Männern - ein Ingenieur, ein Physiker, ein General und der Autor, ein für die Sicherheit der Liquidatoren verantwortlicher Geheimdienstoffizier - in den tödlich verstrahlten Sarkophag von Tschernobyl, um dort im Interesse künftiger Generationen die Lage zu sondieren.

Der Ingenieur stirbt nach wenigen Minuten im Reaktor, der Physiker nach ein paar Tagen, der General nach einem Leidensweg von vielen Jahren, nur KGB-Mann Tkachuk alias Pravdin ist, obwohl auch ihm gesundheitliche Probleme aller Art nicht erspart blieben, 25 Jahre danach noch am Leben und kann von der Expedition in die Strahlenhölle, in der bis zu 8000 Röntgen (!) gemessen worden sein sollen, Bericht erstatten. Sein angeblicher Gegenspieler, ein US-Agent, den er Robert Lenz nennt und den er - welch ein Zufall - nach vielen Jahren noch einmal in einem Kurbad auf Sardinien trifft, kann es nicht mehr.

Krause Phantasie

Die Idee, dass die Amerikaner damals durch ein kleines Erdbeben ein Kernkraftwerk (natürlich nicht im eigenen Land, sondern im "Reich des Bösen", wie der damalige Präsident Ronald Reagan die Sowjetunion einmal titulierte) einem "Stresstest" unterziehen wollten, kann nur krauser Phantasie entstammen.

Dass in Tschernobyl, wie heute in Fukushima, viele namentlich nicht bekannte Helden Gesundheit und Leben für die Allgemeinheit aufs Spiel setzten, steht außer Zweifel. Dass sich in solchen Fällen Betreiber und Behörden in Beschwichtigungen und Vertuschungen ergehen, wie es Tkachuk beschreibt, ist heute auch hinlänglich bekannt. Man vergleiche nur, welche Opferzahlen im Zusammenhang mit Tschernobyl von der Atomlobby auf der einen und von Umweltschützern auf der anderen Seite genannt werden.

Bezüglich solcher Zahlen ist das Buch vorsichtig. Der Statistikteil am Ende ruft aber in Erinnerung, dass Österreich zu jenen Ländern zählt, die relativ viel radioaktiven Niederschlag aus Tschernobyl abbekommen haben, mehr als ein Achtel der Fläche wurde mit mehr als einem Curie pro Quadratkilometer belastet. Im Umkreis von 30 Kilometern um den Reaktor wurden 86.740 Personen aus 12.916 Häusern beziehungsweise 26.724 Wohnungen evakuiert. Der Autor schildert mitfühlend, wie sehr diese Menschen darunter litten, alles, ob Geld und Dokumente oder Kleidung und lieb gewordene Gegenstände aller Art zurücklassen mussten.

Lässt man die abstrus-abenteuerliche Romanhandlung beiseite, schreibt Tkachuk viel Bedenkenswertes über die Gefahren neuer Technologien und die Opfer der Erprobung moderner Massenvernichtungswaffen in der Zeit des Kalten Krieges: "Die Erdbevölkerung hat unglaubliche Fortschritte in der Kunst des Massenmordens gemacht, aber die Waffen wenden sich gegen ihre Erbauer."

Tkachuk tut auch gut daran, Andrej Sacharow zu zitieren: "Der Fortschritt ist nur unter Kontrolle der Vernunft möglich und sicher." Oder wenn er im Vorwort betont: "Schon geringe Störungen des Gleichgewichts der Natur, Katastrophen oder der Einsatz moderner Waffen können Tausende Tschernobyl bewirken, vor denen es keine Rettung gibt. Die Erde ist wie ein Lebewesen, so viele Wunden kann sie nicht heilen."

Gleich darauf macht er freilich schon wieder einen halben Rückzieher: "Die Menschheit kann noch nicht auf die Atomenergie verzichten, doch es muss möglich sein, die Anstrengungen zu vermehren, um neue ökologisch saubere Energiequellen zu finden, um Kontrollen und Sicherheitsmaßnahmen zu verbessern ..."

Anatoly N. Tkachuk: Ich war im Sarkophag von Tschernobyl. Der Bericht des Überlebenden. Deutsch von Reinhard Deutsch. Styria premium. 320 Seiten, 24,95 Euro.




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Sachbuch

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-05-11 19:24:45
Letzte Änderung am 2011-05-11 19:34:00


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