"Fakten sind bestenfalls die Wirklichkeit; sie mögen hart oder unumstößlich oder nicht von der Hand zu weisen sein, aber am Ende kühlen sie einen aus. Die Wahrheit liegt woanders", heißt es im neuen Erzählband von Ralf Rothmann. Der im Ruhrgebiet aufgewachsene und seit vielen Jahren in Berlin lebende Autor klopft die Zwischenräume im Kleine-Leute-Milieu nach den wirklich existenziellen Dingen des Lebens ab. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem Figuren, die sich nicht auf der Sonnenseite des Lebens tummeln und als Außenseiter ein trauriges Dasein fristen.
So etwa der Protagonist in "Frischer Schnee", der gemeinsam mit seinem Freund Lars zwei junge Frauen "abschleppt". Der zurückhaltende Ich-Erzähler begegnet der eben aus dem Krankenhaus entlassenen Marlies äußerst einfühlsam und hört ihr geduldig zu. Während nebenan Lars und Aischa eine wilde Liebesnacht durchleben, schläft Marlies vollständig bekleidet in den Armen der männlichen Hauptfigur ein, die an das Schneefegen am kommenden Morgen denkt.
Ein Gestrandeter besonderer Art ist auch der ehemalige Bauleiter aus dem Text "Der Hunger der Vergesslichkeit": Ihn verschlägt es nach Scheidung und Zwangsversteigerung einer Villa von Düsseldorf nach Berlin, wo er einen neuen jungen Liebhaber findet.
Um gleichgeschlechtliche Liebe geht es latent auch in "Othello für Anfänger". Dieser Erzählung ist der Buchtitel entlehnt, der in einer Verwechslung von Hünen und Hühnern gründet. In dem Text zieht Rothmann alle Register seines Könnens, mischt Humor, aphoristische Schärfe und ausgefallene Metaphorik mit einer in tragikomische Sphären abdriftenden Handlung. Die Ich-Erzählerin, die im Schultheater die Desdemona spielte, gerät in emotionale Turbulenzen, zumal ihre Mitschülerin, eine ausgebuffte Gewohnheitsdiebin, mehr als nur ihre gute Freundin sein möchte. Es hat schon einen stark theatralischen Touch, wenn Rothmann die Protagonistin beim Urinieren den letzten Vers ihrer Rolle rezitieren lässt: "Töte mich morgen, lass mich heute noch leben."
Der 59-jährige Ralf Rothmann hat das alltägliche Scheitern ins Zentrum seiner Texte gerückt, ob am Beispiel eines gestressten Paares in einem japanischen Kloster oder, in der Erzählung "Alte Zwinger", im Dunstkreis der Zeche Prosper. Hier kehrt der Heinrich-Böll-Preisträger des Jahres 2005 erzählerisch in die 60er Jahre zurück: in das Ruhrgebiet seiner Kindheit und zu den Schauplätzen seiner Romane "Wäldernacht" (1994), "Milch und Kohle" (2000) und "Junges Licht" (2004).
Nachhaltig im Gedächtnis bleiben Rothmanns präzise Beobachtungen, sein sensibler Blick in die Grauzonen der Psyche und für die kleinen Verletzungen der Herzen. Ein wunderbar leises Buch, welches das Gefühl für Zwischentöne schärft.
Ralf Rothmann: Shakespeares Hühner. Erzählungen. Suhrkamp, Berlin 2012, 212 Seiten, 19,95 Euro.
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