
Vergangenheit kann nicht monopolisiert, noch abschließend bewertet oder dauerhaft verleugnet werden. Dies legt die deutsche Literatur- und Kulturwissenschafterin Aleida Assmann in ihrer Studie "Geschichte im Gedächtnis" (2007) eindrücklich dar. Private wie offizielle Geschichtsbilder unterliegen einer permanenten Revision; andererseits prägen sie das Selbstbild von Individuen wie von Nationen auf nachhaltige Weise mit. Ein Antagonismus, der Erinnerungsarbeit zum hochkomplexen und mitunter delikaten Prozess macht.
Das Selbstverständnis der Franzosen etwa gründet wesentlich auf der Trias Kultur, Lebenskunst - und Rebellentum: Asterix, Jeanne dArc, die Revolutionäre von 1789, die Résistants des Zweiten Weltkriegs, José Bové oder Stéphane Hessel - die Kette der Kämpfer gegen Tyrannei und Unrecht ist lang, ihr mythenbildnerisches Potential enorm.
In diese Phalanx reiht sich auch Tescelin Beuzaboc, der Widerstandskämpfer aus Sorj Chalandons Roman "Die Legende unserer Väter". Allein: Beuzabocs Heldentaten wurden niemals publik. Einzig seine Tochter Lupuline weiß davon - und ist entschlossen, den (Nach-)Ruhm des hochbetagten Vaters zu sichern.
Der Autor Sorj Chalandon wurde 1952 in Tunis geboren und arbeitete von 1974 bis 2007 als Auslandsreporter für die Zeitung "Libération" (deren Titel sich von einem Résistance-Blatt ableitet). Er berichte auch über den Barbie-Prozess. (Klaus Barbie, alias Klaus Altmann, der ehemalige Gestapo-Chef von Lyon, war 1983 von Bolivien an Frankreich ausgeliefert und zu lebenslanger Haft verurteilt worden). Chalandon ist heute für die satirische Wochenzeitung "Le Canard enchaîné" tätig.
Sein Debüt als Romanschriftsteller feierte er 2005 mit "Le petit Bonzi", der bewegenden Geschichte um einen stotternden Jungen. Auf Deutsch liegt bisher einzig sein Roman Nummer vier vor, "Die Legende unserer Väter". Die solide Übersetzung stammt von Brigitte Große und ist kürzlich bei dtv erschienen.
Das Buch eröffnet mit einer Friedhofszene: "Neun Personen und drei Fahnen waren beim Begräbnis meines Vaters." An einem Novembertag des Jahres 1983 wird im nordfranzösischen Lille Pierre Frémaux zu Grabe getragen, ein Veteran der Résistance-Gruppe "Vengeance" (Rache). Er hatte das KZ Buchenwald überlebt und die versagte öffentliche Würdigung verkraftet. Seinem Sohn Marcel wollte er später einmal von den Zeiten als Résistant erzählen, es kam nie dazu.
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