• vom 08.06.2012, 13:45 Uhr

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Update: 08.06.2012, 14:05 Uhr

Rezension

Synästhetik und "Versstimmungen"




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Von Andreas Wirthensohn

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Die Zeiten, da es so etwas wie eine dominante Richtung in der Gegenwartslyrik gab, sind lange vorbei. Vermutlich gab es letztmals solch einen Trend in den 1970er Jahren, als die "Neue Subjektivität" für eine wahre Flut an teils bahnbrechenden, teils aber auch nur banalen Alltagsgedichten sorgte. Zwar wurde seither immer wieder versucht, von den Lyrikern selbst wie von der Kritik, beispielsweise den Rückgriff auf Reim und strenge Formen als neues Paradigma zu etablieren, aber was als breite, anschwellende Woge beschworen wurde, erwies sich schon bald als müdes Plätschern. "Anything goes" lautet bekanntlich eine Kurzformel für die Postmoderne, und sie gilt auch für das lyrische Feld. Dass diese Offenheit aber gar nicht schlimm und vor allem nicht mit poetischer Beliebigkeit zu verwechseln ist, zeigen drei recht unterschiedliche Neuerscheinungen.


Ganz hoch hinaus strebt Alexander Nitzberg. Der 1969 in Moskau geborene, heute in Wien lebende Autor, dem wir zahlreiche Übersetzungen russischer Prosa und Dichtung verdanken, will mit dem Band "Farbenklavier" (Suhrkamp, Berlin 2012) ein neues Genre begründen: die "Interstellardichtung". "Wenn ich die formlose Masse, / die ihren Ursprung vergaß, / einmal in Verse fasse, / herrscht wieder Maß."

Und Maß herrscht in der Tat in diesen Gedichten. Sie sind "durchströmt vom Metrum der Wogen / dem lethischen Daktylus", und was die Originalität der Reime angeht, kann es Nitzberg durchaus mit dem Großmeister Gottfried Benn aufnehmen. Es paaren sich "Augenrundpaar" und "unverwundbar", "Nervenbahnen" und "Eskalations-Nirwanen", und nicht nur in den Reimen finden scheinbar unvereinbare Wort-Teilchen zusammen in der Schwerelosigkeit des Gedicht-Raumes. Als eine Art künstlerischer Pate steht hinter dieser Dichtung der russische Komponist Alexander Skrjabin (1872-1915), der als Synästhet Töne bzw. Tonarten mit bestimmten Farbwahrnehmungen verknüpfte. Nach der Lektüre fühlt man sich allerdings eher ordentlich durchgerüttelt wie ein Kosmonaut in seiner zur Erde zurückgekehrten Raumkapsel.

Weitaus mehr Bodenhaftung weisen die Gedichte des ebenfalls 1969 geborenen Matthias Göritz auf, doch statisch sind sie deshalb noch lange nicht: "Es ist das / Hin und Her, was uns fasziniert. Das nicht Festgelegte." "Tools" (Berlin Verlag, 2012) ist nach "Loops" und "Pools" der dritte Gedichtband, der die oft alltägliche Wirklichkeit ins Imaginäre, Surreale, Traumhafte hinein erweitert. Göritz evoziert auf meisterhafte Weise "Versstimmungen", ohne dafür ein übermäßig großes Arsenal an Metaphorik oder exquisitem Vokabular zu benötigen. Ob er Impressionen aus Warschau schildert, einen Krankenhausaufenthalt zum Thema macht, sich mit Autos und der Art, wie man sie knackt, beschäftigt (ein in der Lyrikgeschichte wohl einmaliger Zyklus) oder dem holländischen Tulpenwahn im 17. Jahrhundert nachspürt - Göritz’ Gedichte weisen stets ins Offene, Unabgeschlossene, Ungewisse. Fragen sind darin wichtiger als Antworten, und "was ich denke, stimmt / nie". Wer nach Wahrheiten sucht, ist bei diesem Lyriker an der falschen Adresse. "Begreifen / ist nachher."

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Rezension, Extra, Lyrik

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Dokument erstellt am 2012-06-08 13:50:03
Letzte Änderung am 2012-06-08 14:05:12



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