"Über das Unglück, ein Grieche zu sein": Der Titel klingt zeitgeistig, wie eine tagesaktuelle Polemik voll wohlfeiler Vorurteile eines bösen Ausländers. Und doch ist es das großartige poetische Pamphlet eines Griechen, das schon 1975 in Athen und erst heuer auf Deutsch erschienen ist.
"Der Grieche sieht, wenn er sich im Spiegel betrachtet, entweder Alexander den Großen . . . oder zumindest Onassis. Niemals den Karagiosis." Karagiosis ist eine Schattenspielerfigur, die Tugenden und Laster eines Untertans verkörpert, die verschlagen und materialistisch ist, aber auch witzig und manchmal weise. Nikos Dimou seziert das Land und seine Menschen, zerrissen zwischen glorreicher Vergangenheit und zerrütteter Gegenwart, Orient und Okzident, Mythen und der Realität. "Es ist furchtbar, wenn man die Werke seines Vaters nicht nur nicht übertreffen kann, sondern sie nicht einmal versteht."
Dimous Sätze schneiden schmerzhaft ins Selbstverständnis seiner Landsleute. "Wir wachsen mit der Idee auf, dass wir ein auserwähltes, ein mythisches Volk sind. Dann werden wir mit der Wirklichkeit konfrontiert. Unser Minderwertigkeitskomplex ergibt sich daraus", meint er im Gespräch.
Es sind trotzige Rufe aus dem eigenen ins eigene Land. Und die Rufe sind hellsichtig, gerade weil sie keine tagesaktuelle Standpauke sind, sondern zum Ende der Obristenherrschaft vor bald 40 Jahren und dem Aufbruch zur Demokratie geschrieben wurden.
Doch Dimou ist nur scheinbar als Kronzeuge für jene nützlich, die immer schon wussten, wie die Griechen so sind. Abseits der aktuellen Krise, sprich: Tragödie ist sein Buch auch ein Spiegel für uns Europäer, die wir gerne in den Süden hinunterblicken, einmal als Sehnsuchtsort, dann auf einen gescheiterten Staat korrupter Bankrotteure. Häme ist unangebracht: "Das Glück des Unglücks des Griechen drückt sich optimal im Nörgeln aus." Kommt uns das nicht bekannt vor?
Fast jedes der 193 Axiome und Aphorismen ist als Zitat geeignet. Dimou schöpft aus 3000 Jahren griechischer Kultur, aus dem Fundus europäischer Literatur. Die Kurzform ist der Doppel- und Vieldeutigkeit besonders zugänglich. Der streitbare Intellektuelle spielt sich nicht als moralische Autorität auf. Es ist vielmehr die so kluge wie einfühlsame Liebeserklärung eines enttäuschten Liebhabers.
Nikos Dimou: Über das Unglück, ein Grieche zu sein. Deutsch von Mario Mariolea. Verlag Antje Kunstmann, München 2012, 80 S., 8,20 Euro.
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