
Wer hat das ansteckendste Gähnen in der ganzen weiten Weltliteratur? Ohne Zweifel der gute Ilja Iljitsch Oblomow (man betont ihn auf der zweiten Silbe), tragikomischer Held des gleichnamigen Romans. Es ist so ansteckend, dass selbst Leute, denen man bloß erzählt, man lese gerade dieses Meisterwerk der russischen Literatur, und es sei gar nicht langweilig, ganz im Gegenteil, dass, will ich sagen, diese Leute spätestens an dieser Stelle in heftiges Gähnen ausbrechen.
Auch der Herr auf dem Schutzumschlag der eben bei Hanser erschienenen Neuübersetzung, gezeichnet von Adolph von Menzel, gähnt geradezu herz-, aber zumindest mundzerreißend. Und doch: dies ist, wie die Übersetzerin anmerkt, seit 1868 die achte Übersetzung jener Ilias der Immobilität aus dem Russischen ins Deutsche, seit damals also wird der (in Russland sofort nach Erscheinen zu großem Ruhm gelangte) Roman in den deutschsprachigen Landen immerzu fleißig gelesen.
Ein großes Lob ist der Übersetzerin zu zollen. Da wir voraussetzen, dass das Original poetisch und sprachlich brillant ist, kann man getrost dasselbe von der Übersetzung sagen. Dazu bekommen wir ein informatives Nachwort mitgeliefert ebenso wie einen liebevoll zusammengestellten enzyklopädischen Anmerkungsteil, mit besonderer Berücksichtigung diverser Sitten und Gebräuche von anno dazumal. Wussten Sie etwa, dass der russisch-orthodoxe Mensch zur Verabschiedung des Winters und vor Anbruch des großen Fastens eine "Butterwoche" eingeschoben hat, um den Übergang von der fleischigen zur fleischlosen Kost (sieben Wochen Fasten bis Ostern!) mit einem ordentlichen Geschlemme auf der Basis von Butter, Eiern, Milch und Käse zu begehen? Hundert solch köstlicher Details erfährt man auf diese Weise und dazu eine Menge von Bezügen zur Biografie des Autors, denn auch dieser Roman funktioniert natürlich nach der Thomas Mannschen Devise: "Autobiographie ists immer." Gedankt sei der Übersetzerin Vera Bischitzky für die ungeheure Fleißaufgabe und dem Hanser Verlag, dass er nämlich der Mode folgt und alte Bücher neu übersetzen lässt. So haben wir den Anreiz, sie wieder oder endlich einmal zu lesen, und das war schon mehrmals ein schönes Erlebnis.
Für den bedauernswerten Teil der Bevölkerung, der das Buch noch nicht kennt, sie die Handlung desselben kurz skizziert: Unser Held liegt meist daheim auf dem Diwan und kann sich zu nichts aufraffen. Meistens schläft er überhaupt. Er wäre es ganz zufrieden, wenn die Welt nicht diese unangenehme Eigenheit hätte, ihm ständig auf den Pelz zu rücken. Aufgrund einer unglücklichen Verkettung von Umständen muss er dann sogar übersiedeln, und endlich verliebt er sich. Das erfordert in letzter Konsequenz einen Heiratsantrag. Doch unser Held . . . kurzum, es geht schief, und doch wieder nicht. Er findet Unterschlupf bei der Witwe Pschenizyna, die drüben auf der Wyborger Seite wohnt, am Nordufer der Newa, wo, von Petersburg aus betrachtet, die Wölfe herumlaufen. Egal, er hat ein Dach überm Kopf und, noch wichtiger, seinen Diwan. Aber, wie es bei unserem Reimweltmeister aus dem vorletzten Jahrhundert heißt, "wehe, wehe, wehe, wenn ich an das Ende sehe!"
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