Kennen Sie Frau Professorin Marianne Gruber? Wer in Wien und Umgebung, der sich für Belletristik interessiert, kennt sie nicht! Einerseits als Schriftstellerin (ihre Homepage nennt fünf Romane, Erzählungen, Geschichte und Gedichte), andererseits als Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Literatur (seit 1994). Allmählich kommt Marianne Gruber in ein Alter, wie?, ja, das darf man sagen, zumal da sie selbst, uneitel und ehrlich, nicht verschweigt, dass sie in zwei Jahren siebzig wird, allmählich kommt sie also in die Lage, in der man ein Alterswerk vorzulegen hat. Nun, Sie wie auch sie können unbesorgt sein: ein ebensolches liegt hier vor.

Worum es darin geht? Oberflächlich betrachtet, um das, was der Klappentext sagt: "Es ist die Geschichte eines namenlosen Ausreißers, der am Vorabend des Zweiten Weltkriegs bei einem Wanderzirkus unterkommt. Dort zum Clown ausgebildet, macht er die Irrfahrten des Zirkus durch die Schweiz und bis nach Italien mit - und lernt, was Menschlichkeit in Krisenzeiten bedeutet."
Wer jedoch Marianne Gruber kennt, weiß, dass ihr weder einer- noch andererseits das Oberflächliche am Herzen liegt. Wie es ja überhaupt in jedem ernsthaften Roman mehr um den Themenkörper geht als um das Handlungskleid; weniger um die epische Leibeshülle, als vielmehr um die Gedankenfülle. Tja, und mit intellektueller Fülle knausert die Autorin wahrlich nicht.
Es geht in diesem Roman, erzählt als großer, poetisch hochgestimmter Monolog eines Zirkusclowns an einen unbekannten Zuhörer (vielleicht an Sie, lieber Leser, liebe Leserin), um die letzten und vorletzten Fragen der menschlichen Existenz.
In einem solchen Falle müssen bekanntlich die besten und äußersten Mittel angewandt werden; das heißt, den uralten, ungelösten, unheimlichen, ursächlichen Lebensgrundfragen ist nur indirekt zu begegnen: nämlich in Zeichen, Bildern und Sinnbildern. Also, Symbole, wohin man nur blickt.
Der Schauplatz: ein Wanderzirkus. Die Zeit: der Zweite Weltkrieg. Die Hauptpersonen: ein kauziger Zirkusdirektor; ein weltweiser Hochseilartist namens Hieronymo; ein Zwerg namens Rollo; ein Flüchtling namens Felix, eine Seiltänzerin aus Palästina namens Rachel; der Ich-Erzähler, den es, "geboren neben einem kleinen Bahnhof", nach einer Konviktserziehung in die mühselige Fahrbahn eines Tramps verschlägt und der schließlich im Zirkuszelt landet, wo er von Hieronymo und Rollo in die Lebenslehre genommen wird: als Clown wie als Mensch (Symbol!).
Diese Lehre zielt, wie natürlich, auf den Sinn des Lebens ab. Und bei solcher Erziehung spielt natürlich mindestens die halbe abendländische Kulturgeschichte mit. Ist nicht die Weisheit der Narren der Schlüssel zur Daseinserkenntnis? Nennt nicht der Derwisch das Leben eine Reise? Preist nicht Friedrich Nietzsche die sublime Kunst der Hochseilgänger? Ist nicht, wie so viele so gern sagen, der Weg das Ziel? Und bietet, was wir Bildung nennen (Bildung wozu? zu einem sinnerfüllten Leben?), wohl mehr als eine unerhörte Sammlung trostreicher oder kritischer Geschichten, die teils vom Glück, teils vom Unheil allen Seins erzählen?
So treten denn in diesem Buch, in der Manege der Metaphern, der Griechen schwere Mythen auf, des Shakespeares Märchen und der Philosophen Zweifel, dass wir erkennen können, was wir wissen sollten . . . Ach, viele Fragen bleiben offen. Und wer weiß, ob die "Erinnerungen eines Narren" ein großes Alterswerk sind, ein geglücktes?
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