Sie sind eigenwillig, haben anarchistische Tendenzen; sie sind zuweilen unglaublich gescheit, in der konkreten Situation aber oft überfordert; indische Weisheiten sind latent vorhanden wie auch Restmengen von Naivität. - So lassen sich die Protagonisten von Ulla Lenze grob charakterisieren. Angefangen bei ihrem Debütroman "Schwester und Bruder" (2003), zeigten sich diese Merkmale besonders ausgeprägt bei der Hauptfigur Marie in "Archanu" (2008) - und bei Ariane, der Protagonistin von Lenzes jüngstem Roman, "Der kleine Rest des Todes".
Im Gegensatz zu Marie ist Ariane kein Teenager mehr, sondern dreiunddreißig, mit einer Dissertation über Negation bei Hegel, Adorno und im Zen-Buddhismus beschäftigt und kürzlich aus einem Zen-Kloster in den Palani-Bergen zurückgekehrt.
Noch nicht wieder richtig angekommen, stirbt überraschend ihr Vater, der Hobbypilot, bei einem Flugzeugabsturz, und Arianes Welt gerät aus den Fugen. Die ganze Post, die sich während ihrer mehrmonatigen Abwesenheit angesammelt hatte, wirft sie kurzerhand weg, die Kaffeemaschine explodiert, das Geld geht aus. Ariane sucht Kontakt zu ihrem Ex-Freund, der aber hat inzwischen eine Andere, und mit dem Liebhaber, der sich zur Stelle meldet, weiß sie zunächst nichts anzufangen. Zusehends verliert Ariane jeden Halt und jedes Zeitgefühl.
Eines Nachts schläft sie im Sandkasten unterhalb der Wohnung ihres Ex-Freundes ein und hat ein böses Erwachen. Ihr wird in der eigenen Wohnung der Strom abgedreht, der Eisblock im Kühlschrank taut auf und richtet eine Überschwemmung an. Bei Kerzenlicht spendet der Liebhaber kurze Momente des Trostes, und wenig später macht sich Ariane mit einer Freundin und deren Wohnmobil aus dem Staub.
Den Ereignissen, die Ariane nach des Vaters Tod erlebt, wären noch weitere hinzuzufügen, doch geht es Ulla Lenze in ihrem dritten Roman nur bedingt um diese äußere Handlungsebene. Was in der Außenwelt abläuft wie auch die Menschen, mit denen sich die Protagonistin konfrontiert sieht: diese manifeste Wirklichkeit bildet lediglich den Kontrast zu dem, was in Arianes Innerem vorgeht: Trauerarbeit. "Denn wer jemand verliert, verliert auch sich selbst", notiert sie einmal, und ein andermal: "Wie viel man wissen muss, um etwas löschen zu können."
Welchen Rest lässt der Tod? Für Ariane sind es Erinnerungsfetzen an den Vater, Fragmente des Zen-Buddhismus - und Träume, nicht nur unwillkommene. Der Schlaf wird zu einer inneren Fluchtmöglichkeit; mehr als einmal erlöst er Ariane aus einer brenzligen Situation, die sie überfordert, der gegenüber sie ohnmächtig ist. Wie es der 1973 geborenen deutschen Schriftstellerin gelingt, Außen- und Innenwelt aufeinander prallen und voneinander wegdriften zu lassen, dabei Dissonanzen und Implosionen zu erzeugen, das ist große Kunst - und insofern rücksichtslos. Lenze bedient sich sowohl scharfer Schnitte wie auch unmerklicher Übergänge; beides ist einer hohen Verdichtung von Sprache und Stoff geschuldet, die ein unaufmerksames oder schnelles Lesen von vorneweg verunmöglicht.
"Die Welt hört nicht / auf, das muss man lernen", hielt einst Günter Eich fest, und zu dieser Erkenntnis ist wohl auch Ariane gelangt. In ihren eigenen Worten: "Die Wirklichkeit war noch nie subtil." Und selbst wenn die Fakten klar scheinen, hat die Welt der Tatsachen die Rechnung ohne Ariane gemacht. An einen Herzinfarkt des Vaters, wie es im Obduktionsbericht heißt, glaubt sie nämlich nicht, zu sehr hat sie sich in ihre Selbstmordtheorie hineingesteigert. So schlägt Ariane um sich, verzweifelt, rappelt sich wieder hoch und macht sich auf den Weg zur Unfallstelle . . .
Ulla Lenze: Der kleine Rest des Todes. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 2012, 156 Seiten, 19,60 Euro.
Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen...
weiter
Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt...
weiter