
Der Zweite Weltkrieg brachte für die städtische Zivilbevölkerung eine völlig neue, nie gekannte Dimension der Bedrohung: den "strategischen Bombenkrieg" daheim, weit weg von den Kampfhandlungen. "Groß Wien" war davon nicht ausgenommen. Durch die Erweiterung auf 26 Bezirke nach dem "Anschluss" 1938 bildete es die zweitgrößte Stadt im Deutschen Reich. Die Nazis starteten sofort umfangreiche Bauprogramme aller Art, in denen erstmals auch der "öffentliche Luftschutz" eine Rolle spielte.
Nach Kriegsbeginn galten die Ost-Gaue , damit auch Wien, lange als "Luftschutzkeller des Reiches", wo sich viele rüstungswichtige Betriebe ansiedelten. Während englische Nachtbomberflotten bereits ab März 1942 gezielt deutsche Stadtzentren verwüsteten, lag Wien weit außerhalb ihrer Reichweite.
Gigantisches Tunnelsystem
Das änderte sich erst ab Mitte 1943 langsam, als die Amerikaner in Süditalien Fuß fassten und dort Flugbasen errichteten. Ab März 1944 war auch Wien Ziel massiver Luftattacken, die ihren Höhepunkt am 12. März 1945 erreichten, als Oper, Burgtheater und große Teile der Ringstraße zerstört wurden. Insgesamt wurden bei den Angriffen mehr als 36.851 Wohnungen vernichtet und 8769 Menschen getötet. Zuletzt setzten nach dem Abzug der deutschen Truppen Plünderer am 12. April noch den Stephansdom in Brand, während die Russen bereits die Stadt besetzten.
Dass Wien aus der Luft nicht noch härter getroffen wurde, lag am umfangreichen Ausbau des Luftschutzes: Neben den sechs wuchtigen Flaktürmen, die sonst nur noch in Berlin und Hamburg entstanden, gab es in den meisten Parkanlagen, Firmen, Bahnhöfen und Amtsgebäuden öffentliche Bunker. Daneben verband ein gigantisches Tunnelsystem nahezu alle Keller der Bezirke innerhalb des Gürtels. Rund um die Stadt wiederum lagen starke Flakgürtel - und das Kommandobunkersystem am Galitzinberg ("Schirach-Bunker"), wo alle Luftabwehrmaßnahmen organisiert wurden.
In ihrem neuesten Buch zeigen Militärhistoriker Marcello La Speranza und Höhlen-Fotograf Robert Bouchal in eindrucksvollen Expeditionsberichten, wie viel der über- und unterirdischen Luftschutzwelt in Wien selbst 67 Jahre nach Kriegsende noch vorhanden ist. So entdeckten sie bei Bauarbeiten zufällig freigelegte Splitterschutz-Anlagen, gruben sich durch verschüttete Keller, bargen unzählige Exponate aus dem Erdreich und besichtigten eine ganze Reihe "vergessener" Bunker, in denen die Zeit stehen geblieben ist, während darüber im Park Kinder spielen.
Lösung optischer Rätsel
Bereichert wird das Werk neben aufregenden Fotos durch aktuelle Bau- und Anlagenpläne, die die Autoren bei ihren teils spektakulären Einsätzen anfertigten. So konstruierte Bouchal für völlig unzugängliche Hohlräume einen fahrbaren Foto-Roboter. Die beiden Autoren befragten Zeitzeugen, sichteten zeitgenössische Berichte und entdeckten exklusive Relikte in Museen.
Alle Spuren werden mit genauer Lage und Adresse angegeben und können vom Leser selbst "nachentdeckt" werden, sofern sie nicht wieder versperrt oder zugeschüttet sind. Vor allem jüngeren Menschen wird dieses Werk so manches optische Rätsel in ihrer Stadt lösen helfen - auch wenn die Sirenen am Dach, die LSK (Luftschutzkeller) und NA (Notausgang)-Aufschriften an den Hausfassaden oder die Notausstiegs-Gitter am Gehsteig immer weniger werden.
Sachbuch
Die letzten Spuren des Krieges
Marcello La Speranza, Robert Bouchal
Pichler Verlag, 240 Seiten, 24,99 Euro
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