Ein rundum ungewöhnliches Buch ist Elisabeth Tova Bai-leys Schilderung ihrer Genesung in Gesellschaft eines ungewöhnlichen Haustiers: Die Ich-Erzählerin beschreibt, wie sie auf einer Urlaubsreise in Europa plötzlich schwer erkrankt und, wieder zurück in Neuengland, bewegungsunfähig im Bett liegt. Eine leicht exzentrische Freundin bringt ihr aus dem Wald eine kleine Gehäuseschnecke mit ins Krankenzimmer. Die Beschenkte findet die Idee, eine Schnecke wie ein Haustier im Zimmer zu halten, rundheraus abwegig. Doch da sie die Schnecke nicht wegbringen kann, bleibt diese. Sie wohnt erst behelfsmäßig in einem Veilchentopf, später zieht sie in ein kleines Terrarium um, wo sie mit Blütenblättern und Champignons gefüttert wird. Eines Tages legt die Schnecke sogar Eier, aus denen junge Schnecken - bereits mit durchsichtigen Häusern auf dem Rücken - schlüpfen.
Die Kranke folgt der Schnecke mit den Augen, sucht sie, wenn sie sich versteckt, und ist schließlich froh, sie in ihrem eichelgroßen braunen Gehäuse irgendwo schlafend wieder zu entdecken. Monatelang beobachtet sie mit wachsendem Interesse ein Tier, das sonst eher nur in seiner Eigenschaft als Gartenschädling ins menschliche Bewusstsein dringt. Der Zustand der Betrachterin ist so verlangsamt, ihr Leben hat so gar nichts mehr mit ihrer früheren Existenz zu tun, dass sie allmählich auf einer philosophischen Ebene Verbundenheit mit der Schnecke empfindet.
Nach der Genesung las die Autorin alles, was die Schneckenkundigen dieser Welt an Wissen zusammengetragen haben. Diese Lektürefrüchte - Schnecken besitzen Zahnbänder mit über 2000 Zähnen, sie brauchen ein Drittel der täglichen Energie für die Schleimproduktion . . . - verknüpft sie mit Gedanken zu ihrer Krankheit und den Verhaltensbeobachtungen so elegant, dass sich wieder einmal erweist: Es gibt keine Situation im Leben, aus der nicht etwas gelernt und sodann ein wundersames Buch darüber geschrieben werden könnte.
PS: Diese Schnecke, eine Helix albolaris, wurde bei bester Gesundheit wieder in den Wald entlassen.
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