Sarah Kirsch, Georg-Büchner-Preisträgerin des Jahres 1996, gefällt sich seit je in der Rolle der Außenseiterin. Indem sie alle Regeln der Orthografie, Syntax und Interpunktion ignoriert, hat sie einen ganz individuellen, leicht eigenwilligen Tonfall ("spazoren zu den Azoren") gefunden.
Nun hat die inzwischen 77-jährige Schriftstellerin tagebuchartige Prosapetitessen aus dem Zeitraum Dezember 2001 bis September 2002 vorgelegt. Das Weltgeschehen und das eigene Leben in der norddeutschen Provinz werden hier poetisch zwangsverheiratet. Osama Bin Laden, die weltumspannende Angst vor Terroranschlägen, der Amoklauf eines Schülers in Erfurt, die Fußball-WM und die Hochwasserkatastrophe an der Elbe mischen sich mit banalen Dingen aus dem Privatkosmos: die Blumen im Garten, das Bad des Sohns in der Eider oder das Glücksgefühl beim Strümpfestricken: "Ich ruhe so wunderbar leichtherzig in mir, dass ich gar nicht genug davon kriege."
Die Existenz als Künstlerin spielt in diesen artifiziellen Reflexionen eine untergeordnete Rolle. Die "Akwareller" (eines ziert den Umschlag) sind Kirsch momentan offensichtlich wichtiger als die einst gerühmten Verse. Absolut erstaunlich ist, wie viel Zeit die Autorin vor dem Fernsehgerät verbracht hat und welchen Stellenwert dies in den dichterischen Gedankenspielen einnimmt.
Die Naturliebhaberin Sarah Kirsch, die seit ihrer Übersiedlung aus der DDR in Schleswig Holstein lebt und stets einen so ausgeglichenen, auf Harmonie bedachten Eindruck verbreitet, kann auch richtig zürnen - und verbale Giftpfeile aus dem Köcher ziehen. Über Peter Handke befindet sie: "750 Seiten in schlechter Sprache." In ähnlichem Tonfall werden Günter Grass ("bürokratisches Gerede") oder Ursula Krechel ("Lehrerinnenpoesie") abgestraft.
Sarah Kirsch verlangt dem Leser eine gehörige Portion Langmut ab, was ihre stilistischen Eigenheiten angeht: Die Monate heißen bei ihr "Jaguar, Zebra, Nerz und Mandrill", die Wochentage "Mohntach, Mistwoch, Donner und Freitach". Nur wer sich auf diese unkonventionelle Sprache einlässt, wird Gefallen an Kirschs Prosaskizzen finden - die bisweilen doch üertrieben gedrechselt und leicht antiquiert wirken.
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