Die Heilkraft der Natur wird seit jeher gern beschworen: Ob für körperliche Leiden oder physische Gebrechen - die Natur kann angeblich am besten Abhilfe schaffen als eine Art Balsam für Leib und Seele. Dem amerikanischen Autor David Vann verdanken wir darüber hinaus die Vorstellung, dass sich in der Wildnis auch krisenhafte zwischenmenschliche Beziehungen wieder ins Lot bringen lassen. Diese Hoffnung hegte schon der Vater in Vanns erstem Roman, "Im Schatten des Vaters" (2011), der in der einsamen Zweisamkeit einer Blockhütte auf einer Insel in Alaska seinem Sohn wieder näher kommen wollte.
Und auch Gary, Mitte fünfzig, der eigentlich einmal Akademiker in Kalifornien hatte werden wollen, dann aber doch dem Männertraum von amerikanischem Pioniertum nachgab und an einem See in Alaska landete, will seine Ehe mit Irene auf naturnahe Weise retten: Gemeinsam mit ihr macht er sich daran, auf Caribou Island (so auch der Originaltitel des Romans) ein Holzhaus zu zimmern, in dem sie fortan zusammen dem "wildlife" frönen.
Doch wie schon sein Kollege im ersten Roman erweist sich auch Gary als handwerklicher Dilettant und die Hoffnung als Illusion, die in einer Katastrophe endet. Denn Irene, seine Frau, leidet nach den ersten Plackereien an quälenden Kopfschmerzen, für die sich keine körperliche Ursache finden lässt. Und dieser schier unerträgliche Schmerz bringt endlich die Klarheit, das eigene Leben in seiner ganzen Unermesslichkeit erkennen zu können. Nicht anders ergeht es Rhoda, der Tochter von Gary und Irene, deren angehender Mann Jim sie mit einer durchreisenden Schönheit betrügt, und Carl, der von eben dieser Schönheit eiskalt abserviert wird.
Für sie alle gilt: "Man kann sich zwar aussuchen, mit wem man lebt, aber nicht, was aus ihm wird." Bei Vann ist die Ehe nichts anderes als "eine andere Form des Alleinseins", und in den Beziehungen dieses Romans ist immer eine Seite "versehrt", so als sei die eigene Mitte weggesprengt. Denn die Ehe "war ja dem Selbstgefühl nicht unähnlich, etwas Flüchtiges und Wandelbares, etwas Wichtiges und auch Nichtiges. Man konnte sich jahrelang darauf verlassen, einfach annehmen, dass es da war, doch wenn man danach suchte, (. . .) griffen die Hände ins Leere."
Der 1966 auf Adak Island in Alaska geborene David Vann (daher wohl auch seine Vorliebe für Inseln) bestätigt mit seinem zweiten Roman, dass er auf bestem Wege ist, zu den bemerkenswertesten amerikanischen Gegenwartsautoren zu gehören. Und wie schon bei seinem Erstling bildet auch diesmal wieder Vanns traumatisches autobiographisches Erlebnis den Urgrund, aus dem der Roman erwächst. Mit 13 Jahren musste er erleben, wie sein Vater sich das Leben nahm. Hatte er in "Im Schatten des Vaters" die Perspektive umgekehrt und den Sohn Selbstmord begehen lassen, so begeht nun Irene am Ende noch einmal die gleiche "Tat" wie ihre eigene Mutter: Sie erhängt sich in dem vollen Bewusstsein, dass es ihre Tochter Rhoda sein wird, die sie finden wird. Die Unermesslichkeit dieses abgründigen Romans wird zur schicksalhaften Unausweichlichkeit.
Vanns Roman besticht durch beeindruckende Naturschilderungen ebenso wie durch die Intensität, mit der er uns am Schmerz der Protagonisten teilhaben lässt. In ständigem Perspektivenwechsel präsentiert er scheiternde Beziehungen und einsame Herzen, und das einzig Tröstliche daran ist vermutlich, dass Rhodas falscher Traum von der Ehe mit Jim vermutlich nicht in Erfüllung gehen wird. Und dass diesmal zumindest die "natürliche" Reihenfolge des Dahinscheidens eingehalten wird und die Kinder nicht vor den Eltern sterben. Mehr an "Hoffnung" hält dieser radikale Roman nicht bereit.
David Vann: Die Unermesslichkeit. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. Suhrkamp, Berlin 2012, 351 Seiten, 23,60 Euro.
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