"Nun sind wir im Bett, ich so mehr theoretisch, der Junge aber richtig, mit Flanellnachthemd und unter dem Plumeau. Er ist so müde, dass er sofort einschläft. Das ist jetzt ein spannender Moment: Schlafe ich auch ein, schlafe ich seinen Schlaf, träume ich seine Träume oder eigene? Werde ich überhaupt schlafen, so ohne Körper?" Diese Gedanken gehen dem pensionierten Richter Wilhelm Weitling durch den Kopf, der Hauptfigur in Sten Nadolnys jüngst erschienenem Roman "Weitlings Sommerfrische."
Der Protagonist erlebt dabei eine ganz wundersame Zeitreise. Beim Segeln auf dem Chiemsee wird Weitling von einem Blitz getroffen und dadurch zurückversetzt ins Jahr 1958. Durch diesen Kunstgriff mutiert die Hauptfigur zum Beobachter der eigenen Jugend. Ein zweiter Unfall bringt Weitling zurück in die Gegenwart, allerdings ist aus dem Richter dann ein Schriftsteller geworden. Das ist äußerst kühn und ziemlich eigenwillig konstruiert, und wer mag, kann diese Zeitreise auch als verspielten Versuch einer Jugendautobiographie deuten.
Der Schriftsteller Sten Nadolny ist schon immer ein liebenswerter Außenseiter gewesen. Als literarischer "Spätentwickler" betrat er erst mit 37 Jahren die große literarische Bühne, und seine Plädoyers für die Langsamkeit, für das genaue Beobachten, seine Affinität zum Müßiggang und sein bisweilen ausschweifender Erzählstil stellten sich quer zum Zeitgeist.
Obwohl er am 29. Juli 1942 im brandenburgischen Zehdenick (50 km nördlich von Berlin) als Sohn des Schriftstellerpaares Isabella und Burkhard Nadolny geboren wurde, war Sten Nadolnys Weg zur Literatur äußerst kurvenreich. Nach seiner Promotion zum Thema "Abrüstungsdiplomatie" arbeitete er zunächst als Lehrer und Taxifahrer, ehe er als Aufnahmeleiter den Weg zum Film fand. Als er ein Stipendium für ein Drehbuch-Exposé erhielt, war dies nicht der Beginn einer Karriere beim Film, sondern der Start zu einer literarischen Laufbahn.
Der Film wurde nie realisiert, und aus dem Drehbuch entstand später Nadolnys Romanerstling "Netzkarte" (1981), in dessen Mittelpunkt der bahnreisende Studienreferendar Ole Reuter steht. Kurz vor der Veröffentlichung dieses Romans hatte Nadolny, der heute abwechselnd in Berlin und am Chiemsee lebt, als völlig unbekannter Autor den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen - für den Vortrag des fünften Kapitels seines 1983 erschienenen und später 1,5 Millionen Mal verkauften Bestsellers "Die Entdeckung der Langsamkeit". Nadolny sorgte nicht nur durch seinen Text über den britischen Offizier und Entdecker John Franklin damals in Klagenfurt für Aufsehen, sondern er kritisierte auch den "schädlichen Wettbewerbscharakter" und teilte sein Preisgeld unter allen Teilnehmern auf.
Die Liebe zu den Außenseitern zieht sich wie ein roter Faden durch Nadolnys uvre. Ob Ole Reuter, John Franklin oder der Taxifahrer Selim, Protagonist aus dem dritten Roman, "Selim oder die Gabe der Rede" (1990): Diese singulären Figuren beziehen ihren Glanz aus ihren unkonventionellen Verhaltensweisen und durch ihre geradezu sezierende Beobachtungsgabe.
Die späteren Werke ("Ein Gott der Frechheit", 1994, die unter dem Titel "Er oder Ich" 1999 erschienene zweite Bahnfahrt des Ole Reuter und der weitgehend dokumentarische "Ullsteinroman", 2003) reichten nicht mehr an die Fabulierlust und an den Erzählstrom der frühen Jahre heran. Aber jetzt hat Nadolny mit "Weitlings Sommerfrische" an den Glanz und die Experimentierfreudigkeit der frühen Jahre anknüpfen können.
"Das Leben ist zu kostbar, um es mit Anpassung zu verschwenden", heißt es in "Selim oder die Gabe der Rede". Auf diese Weise hat uns Sten Nadolny, der unangepasste "Entdecker der Langsamkeit", mit Ole Reuter, John Franklin, Taxifahrer Selim und zuletzt mit Wilhelm Weitling vier der unkonventionellsten und reizvollsten Figuren aus der zeitgenössischen Literatur beschert.
Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische. Roman. Piper Verlag, München 2012, 219 Seiten, 17,50 Euro.
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