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Prekäre Zeiten in Brooklyn

Auster, Paul: Sunset Park


Von Shirin Sojitrawalla

  • Paul Auster erzählt in seinem neuen Roman, "Sunset Park", eine Geschichte, die vor Gegenwart strotzt - und doch aller Zeit enthoben scheint.

Paul Auster während einer Lesung in Wien, 2008. - © EPA

Paul Auster während einer Lesung in Wien, 2008. © EPA

In Paul Austers Romanen gelingt den Menschen oft das, was ihnen im Leben versagt bleibt: Sie verlassen ihren Alltag wie einen Einkaufsshop und erfinden sich an anderer Stelle neu. Das macht auch Miles Heller, lesesüchtiger Verlegersohn und Patchworkkind, der als junger Mann New York verlässt und schließlich in Florida strandet, in den Armen einer zu jungen Frau, was ihn wiederum Jahre später zurück nach New York fliehen lässt. Und zwar nach Brooklyn, genauer gesagt: Sunset Park. Dort wohnt er zusammen mit drei anderen Gestrandeten in einem schäbigen, besetzten Haus, gegenüber vom Greenwood-Friedhof.

Bing Nathan, ein Freund aus Jugendtagen, der eine Klinik für kaputte Dinge betreibt und hinter Miles’ Rücken seinen Eltern stets verrät, wo dieser sich aufhält; Ellen Brice, sinnsuchende Künstlerin, die sich sexuell und künstlerisch noch finden muss; und Alice Bergstrom, die an ihrer Doktorarbeit feilt und sich im PEN-Zen-trum für verfolgte Schriftsteller engagiert. Sie alle leben mit dem Räumungsbescheid im Nacken ein Leben, das man prekär nennen muss. Es ist die Zeit der Finanzkrise, und wer sich nicht selbst zu helfen weiß, dem wird längst nicht mehr geholfen.

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Die einzelnen Kapitel des Romans sind aus den unterschiedlichen Perspektiven der handelnden Personen geschrieben. Ein allwissender Erzähler kreist über ihren Köpfen, verrät ihre kleinen Lügen und großen Wahrheiten. Außer den vier Genannten kommen auch die Eltern von Miles - der Vater ein berühmter Verleger, die Mutter eine berühmte Schauspielerin - an die Reihe.

Information

Paul Auster: Sunset Park. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2012, 314 Seiten, 20,60 Euro.

Im mit "Alle" überschriebenen Schlussteil des Buches fügen sich die einzelnen Stimmen zu einem volltönenden Finale. Dabei begeistert Auster in seinem neuen Roman von der ersten Seite an mit einer Prosa, die so klar und elegant gebaut ist, dass man durch sie wie durch einen Dom hindurchschreitet. Auch diesmal begegnen einem die typischen Auster-Versatzstücke, also die Themen Schuld, Erinnerung, Mittellosigkeit und das Spiel mit Elementen des Kriminalromans.

Und auch die Referenzsysteme Kino, Literatur, Weltpolitik und Geschichte kommen nicht zu kurz. Und doch treibt Auster es diesmal moderat: keine Handlungsstränge, die im Nichts verlaufen, keine Fußnoten und andere literarisch herausragende Mätzchen. Nur der Film "Die besten Jahre unseres Lebens" zieht sich marottenhaft durch den Roman wie auch Feinheiten des Baseballspiels, die sich Unkundigen nicht erschließen. Aber auch das kann die Makellosigkeit dieses Romans nicht kratzen. Die Figuren, Paare und Passanten, die Auster zum Leben erweckt, sind allesamt Veteranen einer versehrten Vergangenheit. Das verpfuschte Leben steht als Schreckgespenst an der Wand. Umgetrieben von der Angst, zu sterben, bevor sie gelebt haben, bleibt ihnen allen der Trost, dass auch das jetzige Leben einmal hinter ihnen liegen wird. Und die Alten wissen längst: "Kein Sturm währt ewig." Sex dient als muntere Abwechslung - über Altersgrenzen, Nationalitäten und Fragen des guten Geschmacks hinweg.

Paul Auster erzählt zeitversetzt und multiperspektivisch eine Geschichte, die vor Gegenwart strotzt - und doch aller Zeit enthoben scheint. Dabei fokussiert er nicht weniger als die Unbegreiflichkeit des Lebens. Bei seiner Frau, der Schriftstellerin Siri Hustvedt, bedankt sich Auster am Schluss des Buches für "die Seltsamkeit des Lebendigseins". Und genau diese Seltsamkeit bildet das innere Zentrum seines neuen Romans. Auster bereitet ihr ein Fest, indem er sie in Geschichten verpackt, die um die Verletzlichkeit lebendiger Seelen wissen.




Schlagwörter

Rezension, Extra, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-27 14:26:06
Letzte Änderung am 2012-07-27 15:12:30


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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