
Daniel ist Zyniker, quasi von Beruf. Immerhin ist er Schriftsteller und hat einen hohen Frauenverschleiß. So schreibt er vielleicht von der Liebe, glaubt aber nicht an sie, ist depressiv, trinkt zu viel und fährt zu schnell. Da passiert es: ein Unfall. Er rammt ein anderes Auto und darin sitzt Clare Moletto. Sie ist Amerikanerin und lebt in Italien. Liiert ist sie mit dem Mailänder Anwalt Stefano. Der verspricht Sicherheit. Und das braucht sie mit ihrem unsteten Wesen, oder? Als die beiden im Regen auf der Straße wegen des Unfalls aufeinander treffen, ist es sicher nicht Liebe auf den ersten Blick. Aber eine gewisse Faszination ist schon da. Und dann spielt das Schicksal mit Daniel und Clare, führt sie immer wieder zusammen. Die Faszination wächst. Verschiedene Lebensauffassungen prallen aufeinander. Die unstete Clare muss sich entscheiden, zwischen einem Leben mit dem biederen Stefano und einer unabsehbaren Liebesgeschichte mit dem "gefährlichen" Daniel. Der Leser weiß eigentlich von Anfang an, dass es schließlich Liebe sein wird. Aber der Autor lässt einen halt lange zappeln, fuhrwerkt mit kunstvollen Sprachgebilden um den heißen Brei herum. Tausend Zweifel scheinen sich zwischen die beiden Hauptfiguren zu schieben. Endlos lassen sie sich treiben, treffen keine oder die falschen Entscheidungen. Und schließlich wird es knapp, atemlos, unerträglich spannend. Liebe, keine Frage, aber: Werden die beiden wirklich zusammen kommen? Wer sich durch die elegischen Wort- und Satzgeflechte des Buchanfangs durchgekämpft hat, wird belohnt: Eine solche Liebesgeschichte ist selten, erinnert ein wenig an Hollywood einst. Ein bisschen Schwarz-Weiss-Romantik, ein Schuss brutale Moderne und viel Gefühl. Für Romantiker mit Durchhaltevermögen.
Andrea De Carlo: Sie und Er. Diogenes; 23,60 Euro
Artikel erschienen am 3. August 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S.30
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