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Update: 17.08.2012, 14:44 Uhr
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Showdown unter Wasser

Zeh, Juli: Nullzeit


Von Andreas Wirthensohn

  • Die deutsche Autorin Juli Zeh wählt Lanzarote als Schauplatz für einen Psychothriller, der die Grenzen von Idee und Wirklichkeit auf höchst subtile Weise verschiebt.

Eigentlich hatte sich Sven, studierter Jurist, als Tauchlehrer nach Lanzarote zurückgezogen, um das "Kriegsgebiet" Deutschland hinter sich zu lassen, wo in seinen Augen ständig über andere geurteilt werde: "Seit vierzehn Jahren beruhte mein Leben auf der weisen Entscheidung, mich aus fremden Angelegenheiten herauszuhalten. ‚Deutschland‘ war der Name eines Systems, in dem es nur darum ging, was wem gehörte und wer woran Schuld trug." Nun aber kommt das Kriegsgebiet zu ihm in Gestalt der neurotischen Schauspielerin Jola von der Pahlen und ihres nicht weniger neurotischen Freundes, des eher glücklosen Schriftstellers Theo Hast. Die beiden haben einen zweiwöchigen Tauchkurs bei Sven gebucht, doch bei ihrer Abreise ist die Insel zu einem Schlachtfeld geworden und nichts mehr wie zuvor. Und Sven muss seine Illusion begraben, dass es allein seine Entscheidung sei, ob er sich aus den Angelegenheiten anderer heraushalten will oder nicht. Sven ist zum "Kombattanten" geworden.



Jola, Hauptdarstellerin in einer künstlerisch nicht allzu bedeutenden deutschen Fernsehserie, strebt nach Höherem: Das Leben der Taucherin Lotte Hass, Frau des österreichischen Tauchpioniers Hans Hass, soll verfilmt werden, und sie will sich unbedingt um die Hauptrolle bewerben. Dazu braucht sie ein wenig Taucherfahrung, doch schon bald entspinnt sich über und unter Wasser eine höchst konfliktreiche Ménage à trois, in die am Rande auch Svens Assistentin und weitgehend platonische Partnerin Antje hineingezogen wird.

Information

Juli Zeh: Nullzeit. Roman. Schöffling, Frankfurt/M. 2012, 256 Seiten, 20,60 Euro.

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Sven gerät zwischen die Fronten im Beziehungskrieg zwischen Jola und Theo, die beide ständig ihre Rollen wechseln, mal Täter, mal Opfer sind in ihrem von Neurosen geprägten Verhältnis. Er wird aber auch aus eigenem Zutun in einen Strudel aus erotischem Begehren und vermeintlicher Prinzipienfestigkeit hineingezogen, der ihn letztlich zwingt, sein gesamtes Leben auf Lanzarote in Frage zu stellen. Am Ende kommt es auf hoher See und unter Wasser zum Showdown, der, mehr sei nicht verraten, zum Besten dieses Buches gehört.

Die 1974 geborene Juli Zeh ist immer für eine Überraschung gut, und diesmal überrascht sie mit einem Psychothriller, der sich zum Glück mit Gesellschaftskritik zurückhält (anders als "Corpus Delicti") und auch sonst angenehm "geerdet" wirkt (anders als der ziemlich aus dem Ruder gelaufene Roman "Schilf"). Aber Zeh wäre nicht Zeh, wenn es nicht doch noch um mehr als nur die Seelenzustände und Liebeswirrungen ihrer Figuren ginge.

Der Clou des Buches besteht nämlich darin, dass der Leser am Ende jede Gewissheit über das, was er da gerade vorgesetzt bekam, verloren hat. Hielt er anfangs die eingestreuten Tagebuchaufzeichnungen Jolas, die den aus der Sicht Svens erzählten Passagen zum Teil völlig widersprechen, für Zeugnisse einer krankhaft gesteigerten Fantasie und Eitelkeit, so verliert im Laufe des Buches die Perspektive des vermeintlich arglosen, schuldlos verstrickten Sven immer mehr an Glaubwürdigkeit. Bis man schließlich nicht mehr weiß, wer in diesem rasant erzählten Buch stärker die Realität den eigenen Vorstellungen anpasst.

"Wer den Verstand nicht verlieren wollte, musste darauf achten, dass Idee und Wirklichkeit deckungsgleich blieben." Doch der Roman vollzieht ganz subtil das genaue Gegenteil: Beide werden immer weniger deckungsgleich, rücken immer weiter auseinander. Hat Sven nun Jola "geknallt", wie Theo das in derbem Männerjargon unterstellt und großzügig toleriert (er wisse ja, dass Jola am Ende ihm gehöre), oder nicht, wie Sven nicht müde wird zu beteuern? Hat Jola Theo unter Wasser "spaßeshalber" in Richtung eines Zitterrochens gestoßen, der ihn bei Berührung mit seinen Stromstößen hätte töten können, oder umgekehrt Theo Jola? Wurde Jola über Jahre hinweg von Theo grob misshandelt oder nicht? Und wer wollte am Ende, eine Stunde vor der Küste Lanzarotes, wen aus dem Weg räumen?

Svens Erzählung, so erfährt man am Schluss, ist als Bericht gedacht, mit dem er sich gegen mögliche justiziable Anschuldigungen zur Wehr setzen will; es ist seine Wahrheit, die er uns hier präsentiert, und vielleicht, so erklärt ihm später die Tauchschülerin Katja, die zugleich Juristin ist, "wirst du eines Tages sogar glauben, dass Jola die Wahrheit sagt, und nicht du".




Schlagwörter

Rezension, Extra, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-17 14:41:12
Letzte Änderung am 2012-08-17 14:44:58


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