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Update: 19.09.2012, 13:00 Uhr
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Andreas Salcher liest wieder einmal dem österreichischen Bildungswesen die Leviten

In die Schule geplaudert


Von Heiner Boberski

"Die 9 bis 13 Jahre Schule sind wie ein langer kalter Regen, durch den jeder junge Mensch durchmuss. So wird er für die Härten des Lebens geschliffen. Das wird seit bald 250 Jahren so praktiziert und das hat noch keinem geschadet. Die Glücklichen werden dabei nur ein bisschen feucht, während die Pechvögel alles abbekommen." Würden Andreas Salcher in seinem neuem Doppelbuch "Nie mehr Schule - immer mehr Freude" nicht auch solche polemische Pauschalaussagen entfahren, wäre sein Buch noch besser, würde aber vermutlich weniger Wirbel entfachen. Denn hoffentlich haben auch hierzulande viele Menschen Schule nicht nur als durchgehende kalte Dusche erlebt. So erzeugt Salcher etwas, was er sonst bekämpft, weil es für Lernen und Motivation tödlich ist: Angst und Misstrauen gegenüber jeder Schule. Auch gute Lehrer können nur wenig leisten, wenn ihnen Eltern und Schüler mit negativen Vorurteilen über die Schule begegnen.

Ein Anliegen Salchers: die tägliche Bewegung in der Schule.

Ein Anliegen Salchers: die tägliche Bewegung in der Schule.© APA/HARALD SCHNEIDER Ein Anliegen Salchers: die tägliche Bewegung in der Schule.© APA/HARALD SCHNEIDER

Salcher, laut Bucheinband "Österreichs härtester Bildungskritiker" , schließt mit seinem neuen Werk nahtlos an sein zu Recht viel beachtetes Opus "Der talentierte Schüler und seine Feinde" an. Spritzig und aggressiv trifft er in vielen Punkten mit seiner Kritik an unserem Schulsystem, das zum Beispiel Begabungen zu wenig fördert, Kindern die Freude am Lernen und Lehrern jene an ihrem Beruf austreibt und Eltern Unsummen für Nachhilfe ausgeben lässt, ins Schwarze.

Information

Andreas Salcher: Nie mehr Schule - Immer mehr Freude. Ecowin, 128 Seiten, 14,90 Euro
Erwin Rauscher: Schule sind wir. Residenz, 254 Seiten, 19,90 Euro.
Frank Huss: Schularbeit. edition a, 251 Seiten, 19,95 Euro.

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Das Ziel seiner Attacken fasst er mit dem Begriff "tödliche Schule" zusammen: "Seit Generationen hat dieser Virus viele Schüler, Lehrer und Eltern so infiziert, dass sie sich eine andere, bessere, lebendige Schule nicht einmal vorstellen können." Dabei lernten Kinder mit Begeisterung neue Dinge, insbesondere im Bereich der Technik, stünden "dagegen im Physikunterricht die Grundlagen all dieser Wundersachen auf dem Lehrplan, langweilen sie sich tödlich". Eine Ursache dafür sei die tödliche Schule: "Sie fördert Angst und Langeweile - die beiden größten Feinde des Lernens."

Aus Salchers Sicht ist längst bekannt, auf welchen Prinzipien gute Schulen basieren, doch diese würden hierzulande kaum umgesetzt, deshalb sei die österreichische Schule schlicht mittelmäßig. Herausragend sei hier nur, wie man die individuellen Schwächen jedes einzelnen Schülers identifiziert, Kinder von Migranten und bildungsfernen Schichten diskriminiert und sich das viertteuerste Bildungssystem der Welt leistet, wobei viele Milliarden nie in die Schule gelangen: "Stattdessen versickern sie in einer aufgeblähten Verwaltung, im Kompetenzdschungel zwischen Bund und Ländern und in einem Lehrerdienstrecht, das die ganztägige Anwesenheit der Lehrer in den Schulen unfinanzierbar macht."

Salcher plädiert für Bildungsstandards, befürchtet, dass wir ein Land der Hilfsarbeiter und Analphabeten werden, während die Politik versuche, "den Absturz unseres Bildungssystems schönzureden". Die Folgen: "Die Sozial- und Gesundheitskosten werden explodieren, weil man jeden fünften jungen Menschen in neun Jahren im Schulsystem völlig vernachlässigt, um ihn danach 60 Jahre erhalten zu müssen. Das ist ziemlich dumm." Salcher enthüllt die Kostenfresser im System, attackiert die Lehrergewerkschaft und nennt "eines der Grundübel", dass in Österreich im Gegensatz zu Finnland jeder Maturant ohne besondere Eignungsprüfung leicht Lehrer werden kann.

Unfinanzierbarkeit droht
Im zukunftsorientierten zweiten Teil des Buches sieht Salcher eine unaufhaltsame Revolution und Wende im Schulwesen kommen. Er rechnet damit, dass sich Schüler, Eltern und eine neue Lehrergeneration die Mangelwirtschaft nicht ewig gefallen lassen werden. Das Diktat der leeren Staatskassen werde Österreich besonders treffen. "Schneller als viele glauben" werde die Unfinanzierbarkeit erreicht sein.

Wer sein Bild von Schule nicht nur von Salcher prägen lassen will, kann auch zu weiteren Neuerscheinungen greifen. "Bessermachen statt Schlechtreden" fordert Erwin Rauscher, Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, in "Schule sind wir": Alle Beteiligten, vor allem die Lehrer, sind maßgeblich für die Bildung. Und Frank Huss, der ein Burn-out hinter sich hat, schildert in "Schularbeit" aus erster Hand die Leiden eines Lehrers. Er fragt, wer für zweitausend Euro im Monat mit ihm tauschen und auch "so ein gemütliches Leben" führen will.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-17 14:53:06
Letzte Änderung am 2012-09-19 13:00:39


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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