Letztlich geht es um einsame Menschen: Alain Claude Sulzer gestaltet dieses Thema in seinem neuen Roman "Aus den Fugen", indem er unterschiedlichste Menschen verfolgt, die sich an einem einzigen Abend an denselben Ort begeben.
Nicht, dass sie, die in die Berliner Philharmonie kommen, um den weltberühmten Pianisten Marek Olsberg zu hören, einander treffen würden. Bis auf ein zufälliges Anrempeln im Foyer hier, eine Koinzidenz gemeinsamer Bekannter dort, sieht Sulzers Roman keine Choreographie arrangierter Begegnungen vor. Nein, jede einzelne seiner Hauptfiguren zieht mit der ganzen Intimität des eigenen Schicksals ein ins Szenario dieses Abends - und wieder aus. Doch es ist ein schicksalhafter Abend, an dem etwas Unvorhergesehenes genau dort passiert, wohin alle schauen: oben auf der Bühne, am Klavier.
Sulzer lässt sie in einzelnen, mit Namen überschriebenen Abschnitten vorbeidefilieren, die Reichen und (meist weniger) Schönen, gut Etablierten, zu deren Lebensstil und Geldbeutel ein Abend mit Marek Olsberg passt, dem Größten seiner Zunft, der - gut abgeschirmt von der Welt - durch die Welt reist; von Konzertsaal zu Konzertsaal, behütet und eskortiert von seiner so treuen wie gesichtslosen Sekretärin Astrid.
Da sind Esther und Solveig, zwei Freundinnen mittleren Alters, die das Konzert besuchen; Solveig, jüngst von ihrem Mann verlassen, Esther (noch) ganz im Glücksgefühl der festen Ehe- und Besitzordnung. Da ist Johannes, der erfolgreiche Werbemann in den besten Jahren, mit vielen Flügen hierhin und dorthin und festen Ritualen wie dem, seine Frau immer zur selben Zeit anzurufen - auch wenn er, wie an diesem Abend, die Dienste des Escort Service in Anspruch nimmt, um sich eine attraktive junge Begleitung zu sichern. Da ist Claudius, einer von Olsbergs Agenten und sein früherer Freund, zu diesem Konzert aber unterwegs mit einem jungen bildschönen Liebhaber namens Nico, der sich erhofft, dem verehrten Olsberg vorgestellt zu werden. Da ist Marina, die eigentlich Bettina heißt, und sich von der Tochter aus gutem Hause zu einer Edelprostituierten entwickelt hat. Und da ist Lorenz, der Leihkellner, der für diesen Abend zum Personal der Villa Bentz gehört, wo Olsbergs Auftritt danach gefeiert werden soll.
Leise Dramen, traurige Geheimnisse sind es, die dem Leser enthüllt werden: Lorenz, der sich mit seinem Hang zum Ausschlafen darüber hinwegtröstet, dass eine außergewöhnliche Begabung zum Schachspielen im Sande verlaufen ist. Bettina, die ihren Körper verkauft und gefühllos zu machen versucht, um sich vielleicht an ihren Eltern zu rächen. Niemand redet über das, was ihn - oder sie - wirklich ausmacht.
Schamvoll Verschwiegenes, souverän Beschwiegenes. So ist das Leben, so ist die Gesellschaft. Und doch ist jedes Leben, schaut man so genau hin wie der Autor, natürlich "aus den Fugen". Eine irgendwie verrutschte Ordnung, die man zu überspielen lernt - bis zu den schicksalhaften Momenten der Wahrheit, die nicht ausbleiben.
Dass an jenem Abend vor allem für Marek Olsberg ein solcher sein würde, ahnt dieser nicht. "Zweimal Scarlatti, Samuel Barber, Beethoven Nummer 29 und Schumanns Davidsbündler. Der Bundespräsident und der Regierende Bürgermeister würden anwesend sein und sicher auch ein paar seiner früheren Liebhaber."
Mit Olsberg beginnt und endet das Buch. Er hält die gesamte Choreographie zusammen - und sprengt sie in jenem einen, unerhörten Moment. Was Sulzer fasziniert, ist das Geheimnis dieses Moments, in dem ein Leben komplett die Richtung ändert. "Er würde denen, die ihn kannten, die Wahrheit sagen, auch wenn er nicht wusste, was die Wahrheit war."
Die Spannung des Romans entsteht aus der Reibung des Kontrollierten am Anarchischen. Ist das nicht das Leben? So vernetzt und verbunden alle scheinen - und auch sind: zugleich sind sie allein. Einsame Menschen allesamt. In der perfekten Anlage seines Buches, die er dann doch von der Macht des Zufalls aufbrechen lässt, ist Alain Claude Sulzer ein gedanklich starker, hochspannender Text gelungen.
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