"Der Beruf des Schriftstellers ist eine kryptische Bewegung voller Anfänge, Wiederholungen, Versagungen - und den rätselhaften Pausen dazwischen, vor denen sich der Autor am meisten fürchtet, weil stets unbekannt bleibt, zu welchem Ergebnis eine Pause führt, wenn es ein Ergebnis überhaupt gibt."
Von den Verlagen werden solche Pausen gerne mit allerlei unbedeutenden Nebenarbeiten eines Autors gefüllt, deren literarische Halbwertszeit mitunter sehr gering ist. Anders verhält sich das im Falle von Wilhelm Genazino. Seine Bamberger Poetikvorlesungen beispielweise versuchen sich an einer höchst originellen Ästhetik des Romans als "sanftem Delirium", und wer "Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers" gelesen hat, wird Autorenfotos künftig viel intensiver als bisher in Augenschein nehmen.
Genazinos Essays aus den letzten zehn Jahren, die der Band "Idyllen in der Halbnatur" versammelt, spüren dem eigenen Tun ebenso nach wie fremdem Schreiben (etwa dem Peter Altenbergs), sie ergehen sich in Kunstbetrachtungen und heben an zu einer Verteidigung von Lüge und Langeweile. Immer aber schärfen sie den Blick des Lesers auf die Welt da draußen, auf die "Bruchbudenhaftigkeit des Schönen", aber auch auf die Schönheit des scheinbar Banalen.
Vor allem Letzteres demons-triert aufs Schönste Genazinos Sammlung von Fotos und Postkarten, die er seit Jahrzehnten auf Flohmärkten und bei Trödlern ersteht. Diesen Bildern hat er Texte beigestellt, die mit enormem Einfühlungsvermögen über das, was auf den Bildern zu sehen ist, "meditieren": Mal erfindet Genazino mögliche Geschichten, die hinter den Bildern stehen, mal holt er aus zu allgemeinen Betrachtungen über das Medium Bild, mal gelingen ihm tiefsinnige philosophische Miniaturen.
"Aus der Ferne / Auf der Kippe" ist vielleicht das wundervollste Buch von Wilhelm Genazino, denn es enthält in nuce alles, was diesen literarischen Erkunder der "Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens" zu einem der großen Gegenwartsautoren macht. "Wirkliche Schönheit ist nicht-intendierte Schönheit" lautet einer der Grundsätze seines Schreibens, und nirgends wird dem Leser dieses Prinzip eindringlicher und zugleich eleganter vor Augen geführt als in diesen ebenso knappen wie gehaltvollen Bild-Texten.
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