Vermelden wir es freiweg und ohne Umschweife: Rainald Goetz hat einen guten, nein, einen herausragenden Roman geschrieben. Das an sich ist nicht unbedingt eine Sensation, denn Goetz gehört immerhin zu den bedeutendsten Autoren deutscher Sprache. Seine besten zwei Romane - "Irre" (1983) und "Kontrolliert" (1988) - sind Monumente der Gegenwartsliteratur. Ab den Neunziger Jahren war seine schriftstellerische Produktion dann aber mehr "hit and miss", oder eigentlich mehr "miss" denn "hit". Insbesondere seine u.a. in "Rave" (1998) verarbeiteten Club-Besuche waren literarisch betrachtet eher unergiebig, obwohl man das Gegenteil hätte erwarten können.
Doch dank "Johann Holtrop" ist das nun alles vergessen. Der fürs Frühjahr bereits angekündigte Titel erscheint zwar erst nun im Herbstprogramm, doch das Warten hat sich allemal rentiert: Das Buch ist der definitive Roman über die ökonomische Realität der "Nuller Jahre". Das ist keine geringe Leistung angesichts einer Gegenwartsliteratur, die zur Selbstbespiegelung neigt. Zugegeben: Nach einem großartigen Anfang hat das Buch im umfangreichen Mittelteil ein paar Passagen, die sich ein wenig in die Länge ziehen. Doch der fesselnde Schlussteil wiegt das leicht wieder auf.
Protagonist ist der im Titel apostrophierte Johann Holtrop, ein erfolgreicher Wirtschaftslenker, der nach meteorischem Aufstieg in einen erst langsamen und dann immer schneller werdenden Fall gerät, an dessen Ende ein fataler Aufprall steht.
In einer "Schutzschrift" überschriebenen Notiz verwahrt sich Goetz eingangs davor, sein Buch als einen Schlüsselroman zu lesen. Das ist er auch nicht. Dennoch ist die Gestalt von Thomas Middelhoff recht leicht als eine Vorlage für die Romanfigur zu erkennen. Der ehemalige Bertelsmann-Manager mit der desaströsen Bilanz und den dubiosen Geschäften ist eben weniger Vorbild denn Modell für Holtrop.
In dem Roman geht es um das Psychogramm eines Mannes, der soweit von der Gesellschaft abgekoppelt ist, dass ihm Macht, Einfluss und Reichtum als naturgegeben erscheinen. Weshalb er dann auch nicht bemerkt, wie alles langsam wegbröckelt - teils aus eigenem Verschulden, teils in Folge der politischen wie ökonomischen Veränderungen während der letzten Dekade.
Was Goetz dabei meisterhaft gelingt, ist nicht nur aus der Position eines distanzierten Erzählers das Denken und Fühlen seines Protagonisten aufzuschlüsseln und verständlich zu machen. Der Schriftsteller findet auch den richtigen Ton und eine treffsichere Sprache, um das Umfeld kenntlich zu machen.
Veritable Einblicke in das gnadenlose Soziotop der Managementetagen ermöglichen Episoden wie etwa jene, in denen Holtrop einen Untergebenen kurzfristig auf die Straße setzt oder die Schilderungen der Empfänge in der Villa der Gattin des Firmenpatriarchen.
Der verächtliche Zynismus der Manager und Bosse wird handfest greifbar, wenn Goetz entsprechende Begriffe aus dem Wörterbuch der Wirtschaftssprache einstreut, während jene Passagen, in denen der Erzähler zurücktritt, um in eigenen Worten die Ausplünderung des Gemeinwesens durch einen unkontrollierten Kapitalismus zu beschreiben, von ergreifender Klarsicht sind.
Aus dieser Perspektive erschließt sich auch der doppelte Sinn des Untertitels, "Abriss der Gesellschaft". Gratulation also, Rainald Goetz! "Johann Holtrop" steigert jedenfalls die Erwartung darauf, wie es nun weitergeht mit seinem Projekt einer "Umschrift der Gegenwart".
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