Eine auch auf den Gebieten der Justizverwaltung und der Rechtsgelehrsamkeit verbreitete Berufskrankheit ist die zumeist chronische, unheilbare Betriebsblindheit. Schon Mephisto wusste, wie es darum steht, "es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ewge Krankheit fort", jedoch "vom Rechte, das mit uns geboren ist, von dem ist, leider! nie die Frage".
Gerhard Strejcek kennt dieses geflügelte Goethewort selbstverständlich, denn er liebt die schöne Literatur ebenso, wie er das juristische Schrifttum schätzt. Jedenfalls seit ich ihn kenne, seit seiner späten Jugendzeit, als er sozusagen noch eine einfache Rechtsperson war. Heute ist Gerhard Strejcek Professor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht der Universität Wien, doch blickt er weiterhin mit heißem Bemühn über die wissenschaftlichen Betriebsgrenzen hinaus aufs benachbarte Feld der Dichtung, und berichtet davon, etwa gern im "extra" der "Wiener Zeitung".
Strejcek-Kenner sind also keineswegs verblüfft, dass dieser literarisch interessierte Jurist einen Band mit "Lebensbeschreibungen unterschiedlicher, aber bedeutsamer Menschen, die sich Juristen nannten oder nennen", herausgegeben hat. Und sind keineswegs überrascht, dass sich unter den "29 Juristenporträts" (von denen nahezu die Hälfte vom Herausgeber stammt) auch welche von E.T.A. Hoffmann, Anton Wildgans und Theodor Herzl befinden. Die Mehrzahl der Aufsätze beschäftigt sich natürlich, ja naturgemäß mit "richtigen" Juristen. Etwa mit wichtigen Anwälten der Sozialdemokratischen Partei am Ende des 19. Jahrhunderts (Harp-ner, Ingwer, Ornstein), mit Eugen Ehrlich (1862-1922), dem Begründer der Rechtssoziologie und der Freirechtsbewegung, mit dem Völker- und Strafrechtsgelehrten Heinrich Lammasch (1853-1920) oder mit dem Staatsrechtslehrer Edmund Bernatzik (1854-1919).
Gerhard Strejcek (Hrsg.): Gelebtes Recht. 29 Juristenporträts. Mit Porträtzeichnungen von Ulli Klepalski. Österreichische Verlagsgesellschaft C. & E. Dworak, Wien 2012, 358 Seiten, 29,80 Euro.
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