Den Begriff "Indigo-Kinder" gibt es tatsächlich. Er stammt, von der Wissenschaft weitgehend ignoriert, aus der Esoterik und bezeichnet laut der Online-Enzyklopädie Wikipedia Kinder mit besonderen psychischen und spirituellen Fähigkeiten. Außerordentliche Fähigkeiten haben Indigo-Kinder bei Clemens J. Setz durchaus auch - sie haben eine überdurchschnittlich intensive Wahrnehmung; speziell ihr Geruchssinn ist hochsensibel. Vor allem aber lösen sie bei Menschen, denen sie nahe kommen, heftige Abwehrreaktionen aus. Als "Kinder mit eingeschränkten sozialen Optionen", wie es in seinem Roman "Indigo" heißt, stellen sie eine schwere Herausforderung für ihre Angehörigen und einen Haltbarkeitstest für Ehen dar.
Die Krankheit kann abklingen, "ausbrennen", doch von "Heilung" kann angesichts dann auftretender Symptome wie unkontrollierbaren Aggressionsschüben, Paranoia und Wahnvorstellungen nicht wirklich die Rede sein.
Die Hauptfigur trägt, wie der Autor, den Namen Clemens Setz. Wie dieser hat er Mathematik studiert. Als Aushilfslehrer unterrichtet er das Fach nun im sogenannten Proximity Awareness and Learning Center Helianau am Semmering. Hier, wo Lehrer und Schüler großen Abstand voneinander - und die Schüler auch untereinander - halten müssen, der Lehrstoff auf eine Leinwand projiziert wird und und der mündliche Vortrag durch ein Megaphon gehalten werden muss, wo Setz am liebsten vor den ausdruckslosen Gesichtern der Kinder davonlaufen würde, hier beobachtet er seltsame Dinge: Schüler werden von verkleideten "Kräften" weggeschafft - "reloziert", wie das im Internat genannt wird. Dann legt er sich mit dem Direktor der Schule an und attackiert ihn körperlich.
Aus der Helianau fristlos entlassen, stellt Setz bei Angehörigen von Indigo-Kindern, einem ehemaligen Zögling und Fachkräften Nachforschungen an. Später begegnet er uns, mittlerweile ein gefragter Autor von Büchern und Fachartikeln, als Mordverdächtiger wieder; er soll einem Tierquäler bei lebendigem Leib die Haut abgezogen haben. Er wird zwar freigesprochen, doch sein Leben ist längst aus dem Ruder gelaufen. Am Ende steht ein unentwirrbares Dickicht aus Rätseln, Andeutungen und ungeklärten Fragen. Was noch eine vage Spur hätte sein können, verliert sich in einer toten Telefonnummer.
Clemens Setz, knapp 30-jähriger Grazer Autor, legt in diesem, seinem vierten Buch nach den Romanen "Söhne und Planeten" und "Die Frequenzen" sowie dem Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" viele Fährten aus, und einige davon sind bewusst irreführend. Fast wäre man versucht, die von Suhrkamp vorangestellte Autorenvita dazuzuzählen: Danach verspüre Setz seit 2008 selbst die "Spätfolgen der Indigobelastung". Zudem soll er, wie sein Roman-Protagonist, im "Proximity Awareness and Learning Center Helianau" gearbeitet haben. Auch wenn das manche Zeitungen brav übernahmen, ist ein solches Zentrum nirgendwo belegt - im Internet taucht es einzig im Zusammenhang mit diesem Roman auf. Kein Wort dagegen vom Preis der Leipziger Buchmesse 2011, der Nominierung für den diesjährigen Deutschen Buchpreis sowie den Wilhelm-Raabe-Preis - Meriten, mit denen sich Verlage sonst sehr gerne brüsten!
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