• vom 19.10.2012, 14:49 Uhr

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Update: 19.10.2012, 15:18 Uhr

Rezension

Ransmayr, Christoph: Atlas eines ängstlichen Mannes




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Von Uwe Schütte

  • Warum in die Ferne schweifen?
  • Der österreichische Autor Christoph Ransmayr erstellt eine literarische Landkarte seiner exotischen, oft gefährlichen Reiseabenteuer. Die Intensität des Erlebten offenbart sich aber auch im ganz Nahen.

Poetischer Kartograph: Christoph Ransmayr.

Poetischer Kartograph: Christoph Ransmayr.© Autor: Christoph Ransmayr (2012).Foto: Jörg Steinmetz.Das Foto ist honorarfrei bis 31.12.2013.Kontakt: .Jörg Steinmetz.Frankenal Poetischer Kartograph: Christoph Ransmayr.© Autor: Christoph Ransmayr (2012).Foto: Jörg Steinmetz.Das Foto ist honorarfrei bis 31.12.2013.Kontakt: .Jörg Steinmetz.Frankenal

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Der Weltenbummler Christoph Ransmayr vermag diese alte Weisheit mit seinem "Atlas eines ängstlichen Mannes" nachdrücklich unter Beweis zu stellen. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von 70 kurzen Texten im Bereich von drei bis sechs Seiten, in denen der Autor Reisen in die entlegensten Ecken der Welt rekapituliert. Die lange Liste der Länder in diesem literarischen Atlas insinuiert allerdings, dass nur bei Fahrten in exotische Weltgegenden wie u.a. Indien, Laos, Costa Rica, Sri Lanka, Nepal oder Chile jene Erlebnisse möglich sind, die es sich aufzuschreiben lohnt.

Information

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2012, 453 Seiten, 25,70 Euro.
Der Autor liest aus seinem Buch am Mittwoch, dem 24. Oktober, um 20.00 Uhr im Akademietheater, Lisztstraße 1, 1030 Wien.


Es ist ein alter Topos der österreichischen Literatur, dass die geografische wie geistige Enge des Landes seine Schriftsteller dazu zwingt, ins Ausland zu gehen. Autoren wie Peter Turrini, Gerhard Roth oder Peter Handke reichten in den Siebzigern noch die USA, um dort das Material für ihr Schreiben zu finden. Nach der Lektüre von "Atlas eines ängstlichen Mannes" wünscht man sich freilich fast, dass Ransmayr von seiner Almhütte am Kollmannsberg nahe dem Traunsee nicht unbedingt zu all den ferngelegenen Orten aufbrechen würde, weil sein globaler Abenteuertourismus nicht nur ordentlich zur Verpestung der Umwelt beiträgt, sondern ihn auch selber wiederholt in (Lebens-)Gefahr bringt.

So wird er wiederholt Zeuge von Ausbrüchen politischer Gewalt: In Bolivien beschießt ihn während eines Militärputsches ein Tiefflieger; in Katmandu erlebt er die Staatskrise nach Auslöschung der gesamten Königsfamilie hautnah mit. Als er in New Delhi war, kam es nach dem Attentat auf Indira Gandhi zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen die Volksgruppe der Sikhs. Auf nur dreieinhalb Seiten ausgebreitet, ist aber kaum mehr Platz, als davon zu erzählen, dass ein verletzt auf dem Boden liegender Gemüsehändler nicht attackiert wurde, sondern vom Fahrrad gestürzt ist. Hier wie in vielen, allzu vielen Geschichten bleibt Ransmayr oberflächlich; er hetzt von Geschichte zu Geschichte.

In Lebensgefahr begibt er sich auch in die Konfrontation mit Lebewesen, denen wir allenfalls im Fernsehen so nahe kommen wie er in freier Wildbahn. So etwa einer Walkuh samt Kalb in der Dominikanischen Republik oder einem liebestollen Elefantenbullen auf Sri Lanka. Nicht nur dort schrammt Ransmayr knapp an fatalen Konsequenzen vorbei. Bedauerlicherweise wird das, was ihn dazu bewegt, sich solchen Gefahrensituationen auszusetzen, nie wirklich zur Sprache gebracht.

Genauso wenig reflektiert er seinen privilegierten Status als Europäer, der sich unter Menschen mischt, die ihren Zwängen nicht so leicht entkommen können, auch wenn seine Texte deren Lebensverhältnissen einen Sinn aufzusetzen suchen, der unseren westlichen Existenzen abgeht.

Dass ein tieferes Eindringen in das Beobachtete nie stattfindet, liegt vor allem an der Kürze der Texte. Weniger und länger hätte entschieden mehr gebracht.

Es ist vielleicht bezeichnend, dass die herausragendsten Geschichten nicht in der Ferne spielen: Die Beschreibung eines Stierkampfs in Sevilla ist atemberaubend, und die subtilen Nachrufe, die Ransmayr seinem Vater und seiner Lebensgefährtin widmet, lassen den Leser tief berührt zurück. Auch in der Schilderung einer blutigen Episode aus seiner Zeit als Ministrant oder einer verrückten Zirkusvorstellung vor der Anstalt Am Steinhof erreicht Ransmayrs Prosa eine erstaunliche Präzision und Intensität. Warum unbedingt in der Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?




Schlagwörter

Rezension, Literatur, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-10-19 14:56:08
Letzte Änderung am 2012-10-19 15:18:16



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