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Update: 02.09.2013, 12:13 Uhr

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Gaponenko, Marjana: Wer ist Martha?




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Schreibt auf Deutsch: Marjana Gaponenko.

Schreibt auf Deutsch: Marjana Gaponenko.© Wikimedia/Harald Krichel Schreibt auf Deutsch: Marjana Gaponenko.© Wikimedia/Harald Krichel

Die Romanhandlung brennt ab wie ein bengalisches Feuerwerk voll epischer Erfindungslust und unbändiger Sprachphantasie. Ihren ebenso liebenswürdigen wie skurrilen Vogelforscher schickt die Autorin ungebremst in die tragikomischsten Situationen. Mit derart überbordenden Einfällen stattet sie ihn aus, dass der Leser aus dem vergnüglichen Staunen kaum herauskommt.

Einmal im Nobelhotel einquartiert, lässt sich der betagte Sonderling keine Annehmlichkeit entgehen, bis hin zum persönlichen Butler, der ihm im Bad den Rücken schrubbt und andächtig seinen Monologen lauscht. Zwischen den Weltkriegen hatte Luka Lewadski im Imperial mit seinen Großtanten Berge von Torten verspeist, und diese himmlischen Genüsse will er sich in den letzten Lebenstagen nicht entgehen lassen. Also sitzt er verschmitzt im Hotelrestaurant, verfolgt belustigt das eigentümliche Treiben der verwöhnten Gäste und gönnt sich neben den Torten noch manch weitere bekömmliche Schlemmerei.

Die panegyrische Schilderung von altösterreichischem Luxus und bizarrer Nachtschwärmerei bei Stromausfall in der Hotelbar samt einem wahren Namensgewitter von einst - vor Jahrzehnten - gängigen Cocktailsorten bildet eines der Gustostücke aus Gaponenkos reich gefüllter Roman-Wundertüte.

Mit den Wiener Großtanten hatte Lewadski als Filius einst im Musikverein auch seine Liebe zur klassischen Musik entdeckt. Also pilgert der lebensmuntere Greis mit der Zufallsbekanntschaft eines Altersgenossen aus dem Hotel in den nahen Musikverein. Im Goldenen Saal überlassen sich die beiden Alten ebenso hingebungsvoll dem Wohlklang des Gehörten wie der Spottlust über das Gesehene: Schrill angezogene Besucherinnen umflattern sie wie aufgeregte Vögel, bierernst blickende Besucher stolzieren umher wie schwarzberockte Pinguine. Und dazwischen diese nörgelnden Methusaleme wie zwei Käuze, die sich mannhaft wehren, Federn zu lassen.

Mit dem Instrumentenreichtum des Orchesters, dem die Oldies lauschen, kann es auch Marjana Gaponenkos virtuose Sprachkraft aufnehmen: Da gibt es die zarten Soloeinsätze des sinnierenden Luka und gleich darauf stakkatoartige Posaunenstöße, wilde Trommelwirbel, schmelzende Violinklänge und schrille Pauken und Trompeten. Weit offen steht der Konzertsaal ihrer Erzählkunst, in dem Außenwelt und Innenwelt miteinander verschmelzen und sich eine klangreiche Atmosphäre erinnerungsseliger Gegenwart einstellt.

Mittels Fiktion wird eine höhere Stufe von Wahrhaftigkeit erreicht: die Wirklichkeit der Poesie. Sogar die Reklamesprüche auf Straßenbahnen und Litfaßsäulen erregen bei dem ukrainischen Ankömmling freudige Aufmerksamkeit. So kommt der Roman zugleich realistisch wie phantastisch-surreal daher, kann von einem pointierten Kommentar zu den gängigsten Alltagseindrücken mühelos in satirisch-groteske Überzeichnung umschlagen. Mit seiner Fülle von Einfällen und der Wucht seiner Bildersprache entfaltet er eine liebenswürdige Farce über die unausweichlichen Alterstorheiten, die zugleich unausdenkliche Altersweisheiten sind.

Ohne Zweifel hat Marjana Gaponenko mit ihrem Roman-Zweitling über Luka Lewadski, diesen dem Tod schnippisch von der Schippe gesprungenen galizischen Ornithologen, im Bücher-Frühjahr 2013 den sprichwörtlichen Vogel abgeschossen.

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Dokument erstellt am 2013-06-07 15:26:04
Letzte nderung am 2013-09-02 12:13:39



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