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Urzidil, Johannes: Die erbeuteten Frauen




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Von David Axmann

  • Mehrstimmigkeit
  • Anachronistisch-parodistische Geschichten von J. Urzidil.

Geschichten dramatischen Inhalts, in denen es (wie heutige Dramenregisseure so gern sagen) spannend zugeht, gibt es zahlreiche. Sehr selten jedoch geben sich solche Erzählungen ausdrücklich als "dramatische Geschichten" aus, solcherart einen markanten Gattungsunterbegriff konstituierend. Die neu aufgelegten Prosastücke von Johannes Urzidil (Erstveröffentlichung 1966) tun das, und zwar mit Fug und Recht.


Am Beginn jeder der sieben Geschichten steht ein Personenverzeichnis, welchem Ort und Zeit der Handlung meist unschwer abzulesen sind. Chryseis, Agamemnon, Nestor, Achilleus u.a. sind ebenso unverkennbar im antiken Griechenland zu Hause, wie Wenzel Schaschek, Frau Kralíková, Museumsdiener Novotný u.a. im nicht ganz so antiken Böhmen. Aus dieser Gegend stammt ja auch der Verfasser. Johannes Urzidil (1896-1970), in einem Prager deutschsprachigen Elternhaus aufgewachsen, in der Gesellschaft von Max Brod, Franz Kafka und Franz Werfel herangereift, war als Lyriker, Essayist und Erzähler einer der jüngsten oder letzten Angehörigen des berühmten Prager Kulturkreises, er schrieb, auch nach der erzwungenen Emigration in die USA, häufig über seine verlorene Heimat, und stets in deutscher Sprache.

Dass Johannes Urzidil ein spannender Geschichtenerzähler ist, einer, der Weisheit und Witz, Bildung und Humor geschickt zu verbinden versteht, zeigt sich schon im ersten dramatischen Stück ("Die erbeuteten Frauen"). Wir befinden uns im klassischen Hellas, Agamemnon hat aus einem Nachbardorf einen prächtigen Webstuhl geraubt, damit die rosige zwölfjährige Chryseis - auch ein Raubopfer, da sie "billigerweise dem Achilleus gehörte" - etwas zum Spielen hat. Auftritt von Chryses, dem Vater des Mädchens, "Apollon-Priester, jedoch mit verworrenem Haar und verwildertem Bart"; er will seine Tochter freikaufen. "Alter Trottel", herrscht Agamemnon den Alten an. "Wir sind im Krieg, mein Lieber. Beschlagnahme von Weibern ist völkerrechtlich anerkannt. Also mach keine Geschichten und hau ab, so schnell wie möglich." Chryses weicht einige Schritte zurück. Dann ruft er: "All right, es wird dich teuer zu stehen kommen."

Erquickend anachronistisch-parodistisch. In solcher Gemütslage und Tonart geht’s weiter, hinein in den Trojanischen Krieg, mit dem nicht zu spaßen ist, jetzt ändern sich Tonlage und Gemütsart, des Lebens Schlachtfeld besetzen pathetischer Ernst, blutige Klage, der Menschen Elend, der Götter Walten, des blinden Sängers heller Gesang.

Urzidils Liebe zu stilistischer Mehrstimmigkeit bestimmt auch die (Max Brod gewidmete) böhmische Geschichte über "Die Herzogin von Albanera": Der scheinbar biedere, grundsolide Prager Bankbeamte Wenzel Schaschek raubt aus der Landesgalerie das eben jene Herzogin darstellende italienische Renaissancegemälde; in Wenzels Wohnung gebracht, beginnt die adelige Dame aus dem Bild heraus zu sprechen, wodurch schließlich "eine sophokleische Tragödie" beschworen wird.

In einer anderen Humoreske begegnen wir einem redenden Hund namens Wendelin, einem Flohzirkusdirektor und dem Betreiber eines ambulanten Ringelspiels mit zwölf bunt lackierten Holzpferdchen. Manche der dramatischen Geschichten sind autobiographisch inspiriert, teils schwer-, teils übermütig eingestellt, und sie lassen den durchaus erfreuten Leser mit gutem Grund vermuten, dass sich der Autor in einer sentimentalischen Gemütsverfassung nicht minder heimisch fühlt als in einer satirischen.

Johannes Urzidil: Die erbeuteten Frauen. Sieben dramatische Geschichten. Elsinor Verlag, Coesfeld 2013, 187 Seiten, 16,80 Euro.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-07-19 14:32:21
Letzte Änderung am 2013-09-02 11:50:37



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