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Update: 09.09.2013, 11:50 Uhr

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Dicker, Joël: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert




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Von Jeannette Villachica

  • Ausnahmezustand in der Kleinstadt


© Cartoon: Pokornig © Cartoon: Pokornig

"Vor diesem Fall, der im Sommer 2008 ganz Amerika erregte", war Marcus Goldman oft in Aurora gewesen, einer Kleinstadt am Meer in Neuengland, "so beschaulich, dass man meint, hier könnte nichts Böses geschehen". Sein Literatur-Professor Harry Quebert hatte ihm in seinem Haus am Strand das Schreiben bei- und zahlreiche Weisheiten über das Schreiben nahegebracht; hier hatte Harry den Roman geschrieben, der ihn weltberühmt gemacht hatte, hier waren sie Freunde geworden und hier hatte Marcus entdeckt, warum Harry so einsam war.


Nach dem Studium zog Marcus nach New York, wo gleich sein erster Roman ein großer Erfolg, und der 30-Jährige zum neuen Literaturstar wurde. Seinen väterlichen Freund und Mentor verlor er darüber aus den Augen. Als er aber in den Nachrichten sieht, dass Harry festgenommen wurde, fährt er sofort nach Aurora. Das Skelett der 15-jährigen Nola Kellergan, die 1975 spurlos verschwand, wurde in Harrys Garten gefunden, und Harry steht unter Mordverdacht. Dann wird auch noch bekannt, dass Harry eine Liebschaft mit Nola hatte.

Marcus kann das alles nicht glauben und recherchiert vor Ort. Schließlich ist er nicht nur Harry zum Dank verpflichtet, er ist auch auf der Suche nach einem guten Stoff für seinen zweiten Roman. Die Erwartungen seines Agenten, seines Verlegers und seiner Fans setzen ihn mächtig unter Druck, doch bisher hat er nichts Vernünftiges zu Papier gebracht. Zunächst zögert Marcus, die Geschichte des Freundes und die Aufmerksamkeit der Medien für sich zu nutzen, aber sein Agent und sein Verleger bestürmen ihn und auch Harry redet ihm gut zu, also recherchiert er weiter und schreibt "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert". Es wird "das erfolgreichste Buch des Jahres auf dem amerikanischen Kontinent".

Information

Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. Roman. Aus dem Französischen von Carina von Enzenberg. Piper Verlag, München 2013, 720 Seiten, 23,70 Euro.

Dem Genfer Juristen Joël Dicker - übrigens so alt wie sein Hobby-Detektiv Marcus - ist mit seinem zweiten Roman, "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert", ein Coup gelungen. Wie das gleichnamige Buch im Buch ist dieser Roman zugleich Krimi, Liebesroman, Gesellschaftsdrama und Satire über den Literaturbetrieb. Ein außergewöhnlich fesselnder Page-Turner, raffiniert konstruiert, extrem facettenreich und voller "Wahrheiten" über den Fall, die durch völlig unvermutete Wendungen bis zum Schluss immer wieder umgeschrieben werden müssen. Kein Wunder, dass dieses 700 Seiten starke Werk, das man am liebsten nicht mehr aus den Händen legen möchte, mittlerweile nicht nur in der frankophonen Welt bei Publikum und Kritik Begeisterungsstürme auslöste.

Dicker zieht alle Register, um sich die volle Aufmerksamkeit seiner Leser zu sichern: eine überaus geschickte Dramaturgie mit verschachtelten Rückblenden und Perspektivenwechseln, eingefügten Zeitungsartikeln, Briefen, Auszügen aus literarischen Werken, dazu Filmzitate, ironische Selbstreflexionen (auch über die Regeln des Literaturbetriebs, die er in Frage stellt, aber selbst perfekt bedient) und stellenweise Pathos und Kitsch, vor allem in den Reflexionen übers Schreiben und in den alterssentimentalen Erinnerungen Harrys. Immer neue Indizien und Verdächtige aus dem kleinen Kosmos Aurora werfen unzählige Fragen auf: Wie war Harrys Verhältnis zu Nola wirklich? War sie der Engel, für den sie offenbar jeder hielt? Welche Beziehung hatte sie zu dem steinreichen, heute 75-jährigen Elijah Stern und zu dem lüsternen Polizeichef? Welche Rolle spielen Nolas damals beste Freundin und deren ehrgeizige Mutter bei der Vertuschung dessen, was hier wirklich passiert ist? Und wer schickt Marcus Briefchen, damit er aus dem Ort verschwindet?

Bis zur letzten Seite spielt der Autor mit den Erwartungen und Gefühlen seiner Leser - und die lassen sich nur allzu gerne in die Irre führen. Nicht nur der Kriminalfall, auch die Beziehungen der Bewohner Auroras untereinander und vor allem die Freundschaft der vom Ruhm besessenen Einzelgänger Harry und Marcus bleiben immer im Fluss. Warum ausgerechnet Harry so viel Herzblut in diese Freundschaft gesteckt hat, versteht man erst ganz am Schluss.

Jeannette Villachica arbeitet für deutschsprachige Magazine und Zeitungen. Am 23. 9. erscheint ihr Buch "Und dann kam der Richtige - Frauen erzählen die Liebesgeschichten ihres Lebens" im Herder Verlag.
Website von Jeannette Villachica




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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2013-09-06 15:33:08
Letzte Änderung am 2013-09-09 11:50:24



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