• vom 13.09.2013, 15:54 Uhr

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Update: 13.09.2013, 16:14 Uhr

Literatur

Kehlmann, Daniel: F




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Von David Axmann

  • Spiel, Satz und Gegensatz
  • Daniel Kehlmann erzählt eine Familiengeschichte mit doppeltem Boden - und einer Fülle an großen, nur angerissenen Themen. Gehen Publikum und Kritik einem epischen Scherzprodukt auf den Leim?

Daniel Kehlmann in Wien, 2012.

Daniel Kehlmann in Wien, 2012.© Foto: apa/Herbert Neubauer Daniel Kehlmann in Wien, 2012.© Foto: apa/Herbert Neubauer

Ein Schriftsteller kann uns viel erzählen. Kann erzählen, dass er die Wahrheit sagt; dass er lügt; dass er beides tut (das Leben kopierend, diese gewaltige Wahr-Falsch-Mischung). Das Leben, kann er uns erzählen, ist ein Spiel, das ernst zu nehmen ist. Und wenn er davon gut und schön und glaubhaft zu erzählen weiß, vermag’s uns zu erfreuen und zu beleben.


Daniel Kehlmann erzählt uns jetzt eine zeitgenössische Familiengeschichte. Allerdings keine einfache, unbeschwerte, an der Oberfläche des Seins angesiedelte, sondern eine mit doppeltem Boden; erzählt sie in der tieferen Absicht, exemplarisch darzustellen, worum es im Leben wie in der Literatur geht - nämlich um Spiel, Satz und Gegensatz.

Daniel Kehlmann erzählt die Geschichte der typologisch aufgestellten Familie Friedland. Arthur, Vater dreier Söhne, der Zwillinge Eric und Iwan sowie des älteren, aus erster Ehe stammenden Martin, führt ein ziemlich erfolgloses Schriftstellerdasein, bis er dem Hypnotiseur Lindemann begegnet, der ihn in eine neue Lebensrichtung stößt. Arthur Friedland verlässt seine Familie und schreibt von nun an Bücher, die gelobt und gekauft werden. Eines heißt "Mein Name sei Niemand", ein andres "An der Mündung des Flusses"; eine besonders symbolträchtige Erzählung trägt den Titel "Familie" (sie ist im Roman "F" abgedruckt, doch keineswegs geeignet, Arthurs späten Erfolg zu erklären).

Martin, der wie gesagt älteste Sohn, wirkt in jungen Jahren "kraftlos, leise, furchtsam"; herangewachsen wird er gefräßig und, weil ihn die Mädchen nicht mögen, Pfarrer. Obgleich er weder an Gott glaubt noch an die heiligen Sakramente, spielt er seine Priesterrolle verdrossen weiter und findet sich damit ab, als plumpe katholische Karikatur durch die Handlung zu keuchen.

Eric, dem Zeitgeist am nächsten, hat’s zu einem prominenten Vermögensberater gebracht; beim großen Bankencrash verliert er alles, rappelt sich jedoch wieder auf und sucht frischen Lebensmut in - Gott oder Kehlmann weiß, warum - beängstigend penetranten Religionsritualen.

Iwan schließlich, der der Berufung zum echten Künstlertum entsagt, als er sein mittelmäßiges Talent erkennt, entwickelt mit Hilfe seines schwulen Malerfreunds Eulenböck die raffinierte Fabrikation realer Bilder eines fiktiven Außenseiters, "der die Kunst seiner Zeit mit Verachtung verfolgt". Die elegante Pointe dieser einträglichen Fälschungen mit Echtheitszertifikat: "Auf vielen Bildern, ausgeführt mit feinem Spott, findet sich irgendwo die Arbeit eines Künstlers jener Gegenwart abgebildet, die er (Eulenböck) für nichtswürdig hält."

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Dokument erstellt am 2013-09-13 15:59:07
Letzte nderung am 2013-09-13 16:14:44



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