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Literatur

Llosa, Mario Vargas: Ein diskreter Held




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Von Jeannette Villachica

  • Neuanfang im Ruhestand
  • Der peruanische Schriftsteller und Nobelpreisträger
  • Mario Vargas Llosa kehrt mit seinem neuesten
  • Roman an die Orte seiner Jugend zurück.
  • - Ein einprägsames Sittengemälde.

Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa.

Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa.© Wikimedia/Arild Vagen Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa.© Wikimedia/Arild Vagen

Der Tag, an dem Felícito Yanaqué, Inhaber eines Transportunternehmens in der nordperuanischen Stadt Piura, den ersten Erpresserbrief erhielt, begann wie jeder Tag: "Auf der Calle Arequipa war der Lärm der Stadt schon losgebrochen, über die hohen Bürgersteige strömten die Menschen auf dem Weg zum Büro, zum Markt, oder sie brachten die Kinder zur Schule. Ein paar fromme Seelen begaben sich in die Kathedrale für die Messe um acht. Die fliegenden Händler riefen lauthals ihre Waren aus, Honigpaste, Lutscher, Teigtaschen, Bananenchips, alle möglichen Leckereien, und an der Ecke, unter dem Dachvorsprung des Gebäudes aus der Kolonialzeit, hatte sich auch schon der blinde Lucindo niedergelassen, das Bettelschälchen zu seinen Füßen."

Information

Mario Vargas Llosa: Ein diskreter Held, Roman. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 380 Seiten, 23,60 Euro.


Felícito ist einer von drei älteren Herren, deren Geschichten Mario Vargas Llosa in seinem neuen Roman, "Ein diskreter Held", in zwei Strängen parallel erzählt. Sie leben mit ihren Familien, Freunden und Geliebten im heutigen Peru, das vom Wirtschaftsboom der letzten fünfzehn Jahre geprägt ist; zwei von ihnen rebellieren gegen gesellschaftliche Konventionen, jeder auf seine Weise.

Der 55-jährige Felícito, "klein und spindeldürr, bescheiden und fleißig", hat seine Transport-Firma aus dem Nichts aufgebaut. Sein Leben lang hielt er sich an den Rat seines Vaters: "Lass dich von niemandem herumschubsen." Folglich weigert er sich, den Schutzgelderpressern "auch nur einen einzigen Centavo" zu geben, auch als sein Büro in Brand gesteckt und der Mensch entführt wird, der ihm am meisten bedeutet: seine schöne Geliebte Mabel. Weil er standhaft bleibt, verehrt ihn ganz Piura als Helden (die meisten Unternehmer in seiner Umgebung zahlen schweigend), und Journalisten belagern sein Haus.

Auch Rodrigo, seine Frau Lucrecia und ihr 15-jähriger Sohn Fonchito geraten ungewollt ins Licht der Öffentlichkeit. Rodrigo, bis vor kurzem Generaldirektor einer Versicherungsgesellschaft in Lima, will seinen vorzeitigen Ruhestand genießen, als die Hochzeitspläne seines Chefs und Freundes Ismael Carrera seine eigenen Pläne zunichte machen. Mit achtzig Jahren wird der steinreiche Ismael sein Hausmädchen heiraten, die sehr viel jüngere Armida; Rodrigo soll einer der Trauzeugen sein. Während die Frischvermählten durchs sommerliche Europa reisen, löst die Hochzeit in der Gesellschaft Limas einen Skandal aus, und Ismaels Söhne kämpfen mit allen Mitteln um ihr Erbe. Da ihr Vater nicht erreichbar ist, machen sie Rodrigo als Ismaels Vertrauten im grauen winterlichen Lima das Leben schwer. Erst als der Erbstreit beigelegt ist, kann der kunstbegeisterte Rodrigo samt Familie nach Madrid, Paris, London und Rom reisen und seinem Sohn all die Schätze zeigen, die ihn auf Abbildungen zum Träumen bringen.

Vargas Llosa zieht seine Leser vom ersten Satz an in das Leben seiner aufrechten, prinzipientreuen, im Gegensatz zu ihren Söhnen geradezu ritterlichen Protagonisten. Auf ihre alten Tage geraten sie noch einmal in den Strudel leidenschaftlicher Liebe und verwickelter Verwandtschaftsverhältnisse, müssen sich mit ihren hasserfüllten, geldgierigen oder Geister sehenden Söhnen auseinandersetzen und sich Gedanken über ihr Erbe machen. Wie sehr ist ein Mann dem Lebenswerk seines Vaters verpflichtet? Wann gilt es zu bewahren, weiterzuentwickeln und wann einen Neuanfang zu wagen? Mit dem Übergang in den Ruhestand ist für diese Herren noch einmal alles offen.

Mit "Ein diskreter Held" kehrt der 1936 geborene Nobelpreisträger nach 15 Jahren literarisch an die Orte seiner Jugend zurück; nebenbei schreibt er die Geschichte einiger Charaktere aus früheren Romanen fort. Peru hat nun eine neue, breitere Mittelschicht, doch die Standesschranken sind weiterhin kaum überwindbar; auch der Rassismus vor allem gegen schwarze und indigene Frauen ist weit verbreitet. Wer gegen die starren gesellschaftlichen Regeln verstößt, muss im Prinzip immer noch das Land verlassen. Vargas Llosa hat ein plastisches, sehr unterhaltsames Sittengemälde seiner Heimat geschaffen.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-09-20 16:47:04
Letzte nderung am 2013-10-08 14:24:26



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