• vom 22.09.2013, 11:30 Uhr

Bücher aktuell


Rezension

Das Land der großen Armut




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Wirthensohn

  • Ilija Trojanow und der Fotograf Christian Muhrbeck zeigen ihre Eindrücke von Allatgsleben in Bulgarien.

Seit 2007 ist Bulgarien Mitglied der EU - übrigens das einzige EU-Land mit kyrillischer Schrift -, doch das Bild, das man sich von diesem slawisch-osmanisch-balkanisch geprägten Staat macht, ist vor allem negativ eingefärbt: von den Meldungen über ein zutiefst korruptes Staatswesen, von bulgarischen Taglöhnern, die sich in westlichen Städten für einen Hungerlohn verdingen, von organisierten Bettelbanden, die die Fußgängerzonen in München oder Wien zu ihrem Revier erklärt haben. Das alles hat seinen Grund vor allem in der großen Armut, unter der Bulgarien zu leiden hat (es weist das geringste BIP in der EU auf).


Wie ärmlich viele Menschen dort leben, zeigt der bemerkenswerte Bild-Text-Band, den der Fotograf Christian Muhrbeck und der Schriftsteller Ilija Trojanow vorgelegt haben. Etwa die Donaufischer, die kaum mehr etwas fangen, seit die Straße am südlichen Ufer ausgebaut wurde und die vorbeidonnernden Lastzüge die Fische vertrieben haben, und die in abgewrackten Kleinbussen zwischen dem "großen, schweigsamen Fluss" und rauchenden Fabrikschloten ihr bescheidenes Leben fristen. "Sie fangen Fisch, der sie kaum ernährt, an guten Tagen reicht es für ein Bier, das sie auf einer brüchigen Betonterrasse trinken, den Blick auf einen rostenden Schiffsrumpf, der seit Jahren auf seinen Stapellauf wartet, und auf die Giftfabrik, die bestehen wird, wenn sie alle längst vergangen sind."

Aber das Buch will nichts weniger sein als ein "Elendsbericht" vom Rande Europas. Muhrbecks Schwarzweißfotos zeigen Menschen, die bei aller Armut Stolz, Würde und Haltung ausstrahlen, und die eingestreuten "Erzählungen" von Ilija Trojanow, der in Sofia geboren wurde und heute in Wien lebt, versuchen die kulturellen Tiefenschichten dieses Landes auszubeuten, in dem angeblich der Unterweltsänger Orpheus begraben liegt.

In ihrem Mit- und Ineinander ergeben Bild und Wort ein Gesamtkunstwerk, eine eindringlich-persönliche Annäherung an ein Land zwischen Archaik und Postsozialismus, das in unserem Europa-Bewusstsein zu Unrecht ein Schatten- und Randdasein führt.

Ilija Trojanow

Wo Orpheus begraben liegt

Mit Fotografien von Christian Muhrbeck. Hanser Verlag, München 2013, 221 Seiten, 25,60 Euro.




Schlagwörter

Rezension, Literarisches Buch

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-09-20 16:53:02



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. in der straßenbahn
  2. "Ich bin mir selbst ein Rätsel"
  3. Anwälte für Fauna und Flora
Meistkommentiert
  1. in der straßenbahn
  2. Klimaveränderungen
  3. Odysseus und die Kredit-Sirenen

Werbung




Werbung