• vom 21.10.2013, 16:24 Uhr

Bücher aktuell

Update: 21.10.2013, 17:04 Uhr

Europäische Union

Broder, Henryk M.: Die letzten Tage Europas




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (58)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Ortner

  • Guter Idee droht Absturz
  • Deutschlands streitlustigster Intellektueller fällt über die Europäische Union her

Wo Henryk M. Broder, im Hauptberuf Autor der deutschen Tageszeitung "Die Welt", hinschreibt, dort wächst gemeinhin ziemlich lange kein Gras mehr. Seine Texte polemisch zu nennen, erfüllt in aller Regel den Tatbestand der gröblichen Verharmlosung. Und je tabubehafteter ein Thema ist, umso lustvoller schwingt Broder die Keule; einer gepflegten intellektuellen Rauferei geht er nur höchst ungern aus dem Wege. Mal legt er sich mit dem Appeasement gegenüber den Islamisten an (in seinem Bestseller "Hurra, wir kapitulieren"), mal mit der Verwertung des Holocaust (in "Vergesst Auschwitz!") - und auch für die Bekämpfung des Klimawandels hat er, wenig überraschend, vor allem Spott über. Diese sei "eine Art Feldgottesdienst der Ungläubigen, die sich im Glauben an das Ende der Welt zusammengefunden haben".

Henryk M. Broder: "Größenwahn und Inkompetenz".

Henryk M. Broder: "Größenwahn und Inkompetenz".© Foto: WZ/Goldberger Henryk M. Broder: "Größenwahn und Inkompetenz".© Foto: WZ/Goldberger

Gegen Glühbirnen-Dirigismus
Wenn sich Broder nun der Europäischen Union annimmt - in seinem jüngsten Buch "Die letzten Tage Europas" -, ist das Resultat, wenig überraschend, nicht eben als Erbauungslektüre für das Nachtkästchen von EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso geeignet. "Auf diesem Projekt lastet der Fluch des Größenwahns und der Inkompetenz. Diese Mischung wurde schon dem Luftschiff ,Hindenburg‘ und dem Luxusliner ,Titanic‘ zum Verhängnis (...)", urteilt er gewohnt streitlustig: "Die EU ist eine Idee, die sich selbstständig gemacht hat."


Was Broders Text von der handelsüblichen EU-Kritik angenehm abhebt, ist nicht nur der typische rotzfreche und herrlich erfrischende Broder-Sound, sondern vor allem die überhaupt nicht EU-feindliche Grundhaltung, von der aus er die Union kritisiert. Die EU, meint der immerhin 67-jährige Broder, habe ihn bis vor kurzem wenig gekümmert, "und wenn sich jemand über die Brüsseler Bürokratie mokierte, über die Regelung zur Krümmung der Salatgurke, so habe ich das als vernachlässigbare Schrulle abgetan". Den Europäer besonders raushängen zu lassen, habe er immer irgendwie albern gefunden, findet der in Kattowitz Geborene, "mir wäre schon geholfen, wenn das nicht in Polen, sondern in der Toskana liegen würde".

Information

Sachbuch
Henryk M. Broder: Die letzten Tage Europas
. Wie wir eine gute Idee versenken. Knaus, 224 Seiten, 20,60 Euro.

Auf die Idee, der EU seine publizistische Aufmerksamkeit zu widmen, habe ihn der unsägliche Glühbirnen-Dirigismus der Union gebracht: "Ich fürchte, eine weitere menschenbeglückende Idee ist im Begriffe, totalitäre Züge anzunehmen."

Dass sich Broder dem Gegenstand seiner Kritik ohne allzu viel spezielles Vorwissen nähert ("Ich habe noch nie an einer Europawahl teilgenommen"), ist sowohl Schwäche als auch Stärke. Schwäche, weil seine Argumentation naturgemäß kaum neue Fakten oder Zusammenhänge beinhaltet; jedem einigermaßen politisch Interessierten sind die zahllosen Mängel des europäischen Projektes bekannt, die er gnadenlos auflistet, von bürokratischen Narreteien bis zu demokratischen Defiziten sonder Zahl.

Dafür, und darin liegt die Stärke des unvoreingenommenen Zugangs, eröffnet er immer wieder erfrischend neue Perspektiven auf den Gegenstand seines Interesses. Etwa, wenn er von einer in Brüssel ordinierenden Psychoanalytikerin berichtet, die sich auf die Behandlung hochrangiger EU-Beamter spezialisiert hat, denen die mangelnde Sinnhaftigkeit ihrer fürstlich entlohnten Tätigkeit psychosomatische Beschwerden bereitet: "Ich bin mir ziemlich sicher, die meisten von ihnen wissen, dass sie an einem beschäftigungstherapeutischen Programm teilnehmen."

Ein Moratorium als Lösung?
Wenig spektakulär, aber dafür durchaus nicht unvernünftig ist Broders Idee darüber, wie der Misere beizukommen sei: ein Moratorium, eine Art Auszeit von ein paar Jahren, in denen das europäische Projekt nicht weiter vorangetrieben, sondern grundsätzlich überdacht werden soll. "Während dieser Auszeit findet eine öffentliche Debatte über die Zukunft Europas statt. In jedem Land und grenzübergreifend (...). Und nach zwei, drei oder vier Jahren wird dann abgestimmt, für oder gegen den Euro, für oder gegen die EU, in welcher Form auch immer, als Staatenbund oder als Bundesstaat, als lose Föderation, als Kibbuz, als Kolchose (. . .)."

Dass hochrangige deutsche EU-Funktionäre Broders neues Buch in der Öffentlichkeit eher unfreundlich kommentierten, überrascht wenig. Alles andere hätte den Autor vermutlich auch wirklich an sich selbst zweifeln lassen. Broder eben.




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-10-21 16:26:04
Letzte nderung am 2013-10-21 17:04:06



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Helfer und Hetzer
  2. Die Farbe Blau heißt Aufbruch
  3. Bis es wehtut
Meistkommentiert
  1. Helfer und Hetzer
  2. Ente süß-sauer
  3. Das Werk der Rache

Werbung




Werbung