• vom 14.11.2013, 20:20 Uhr

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Update: 15.11.2013, 13:10 Uhr

Literatur

de Winter, Leon: Ein gutes Herz




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Von Piotr Dobrowolski

  • Der ermordete Schutzengel
  • In seinem jüngsten Roman zündet Leon de Winter ein wahres Feuerwerk an Ideen. Und schafft einen vielschichtigen Polit-Thriller, in dem Gott die Hand ebenso im Spiel hat wie eine Figur namens Leon de Winter.

Der Grat zwischen zynischer Ironie und erbittertem Ernst fällt bei dem niederländischen Schriftsteller Leon de Winter meist schmal aus. In seinem jüngsten Roman "Ein gutes Herz" ist das nicht anders. Schon die Grundidee des Buchs zwingt den Leser, bei einem Spiel mitzumachen, das immer wieder in der Frage gipfelt: Ernst nehmen oder nicht? Sich über De Winters antiislamische Hau-Drauf-Rhetorik ärgern oder doch seiner politisch inkorrekten Beobachtungsgabe Beifall zollen?

Leon de Winter.

Leon de Winter.© Foto: EPA/Arne Dedert Leon de Winter.© Foto: EPA/Arne Dedert

"Ein gutes Herz" beginnt jedenfalls recht skurril. Theo van Gogh - Sie erinnern sich, das war jener niederländische Skandalregisseur, der 2004 von einem Islamisten ermordet wurde - findet sich, verwirrt und bisweilen auch reichlich alkoholbenebelt, im Himmel wieder.


Bewährung als Schutzengel
Das Jammern über den "Bartaffen", der ihn erschossen hat, hilft nichts. Damit Theo seinen Körper wiedergewinnen und so zu einer angenehmeren Stufe des himmlischen Daseins gelangen kann, muss er eine Weile als Schutzengel arbeiten. Der ihm zugewiesene Bewährungshelfer - ja, auch so etwas gibt es in der De-Winterschen Himmelsimagination - schlägt schließlich drei Schützlinge vor: die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali, Theos Mörder Mohamed Boujeri und einen gewissen Leon de Winter.

Mit allen drei will Schutzengel van Gogh allerdings partout nichts zu tun haben. Ayaan Hirsi Ali will er nicht beschützen, weil er auf deren Ruhm neidisch ist - eine der vielen Bösartigkeiten, die de Winter in dem Roman unterbringt. Schließlich hat der real existierende Mörder Mohamed Boujeri auf den Leichnam des real ermordeten Theo van Gogh eine Botschaft geheftet, in der auch Ayaan Hirsi Ali der Tod angedroht wurde.

Mit Leon de Winter will der Roman-Theo wiederum nichts zu tun haben, weil sich die beiden schon zu Lebzeiten nicht ausstehen konnten. Und seinem Mörder als Schutzengel zur Seite stehen mag van Gogh verständlicherweise auch nicht.

Information

Leon de Winter: Ein gutes Herz. Roman. Übersetzt von Hanni Ehlres. Diogenes Verlag, Zürich 2013, 512 Seiten, 23,60 Euro.
Der Autor auf der Buch Wien: 22. November, 13.00 Uhr, 3-sat-Lounge; 14.05 Uhr, ORF-Bühne (Ö1 live: "Von Tag zu Tag").

An diesem Punkt kommt Max Kohn ins Spiel, eine Unterweltgröße. Ihn bekommt Schutzengel Theo nämlich letzten Endes als Schützling zugewiesen. Und das lässt die Romanhandlung zu einem mega-turbulenten Polit-Thriller explodieren, in dem de Winter ein Feuerwerk an Ideen freisetzt. Samt jugendlichen Terroristen, göttlicher Vorsehung und überforderten niederländischen Politikern.

Die Figur Leon de Winter lässt der Autor Leon de Winter übrigens dennoch im Spiel, als Freund und zeitweiligen Liebesrivalen von Max Kohn. Was zur Folge hat, dass der Leser auch so manches - und bei Gott nicht nur Gutes - über de Winter selbst erfährt. Wobei er sich auch hier nie ganz sicher sein kann: Ernst nehmen oder nicht? Ist dieser Leon de Winter wirklich Leon de Winter oder doch nur eine Papiergestalt?

Dass das Buch in seiner Anlage dann gar mit Harry Mulischs "Entdeckung des Himmels" spielt, dem international wohl erfolgreichsten niederländischen Roman, ist auch so ein verwirrendes Manöver. Ernst nehmen oder nicht? Will de Winter uns damit tatsächlich sagen, dass. . . ? Oder sind es wir, die ihm so Eitles unterstellen?

Postmoderner Zusatznutzen
Da spielt einer, den man immer schon für packende Geschichten geschätzt hat, nun auch noch ganz munter auf dem Minenfeld der literarischen (Selbst-)Bezüglichkeit. Und das fällt durchaus unterhaltend aus. Womit der ohnehin fesselnde Plot von "Ein gutes Herz" auch einen postmodernen Zusatznutzen bekommt. Sozusagen als Draufgabe für den hyperintellektuellen Leser, dem eine gute Story und die Botschaft, dass Liebe letztlich viel stärker ist als der Tod, allein womöglich zu wenig wären.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-11-14 20:23:05
Letzte Änderung am 2013-11-15 13:10:50



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