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Update: 30.12.2013, 15:11 Uhr

Literatur

Das Lied ist nicht aus




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Von Christian Teissl

  • Das österreichische Gedicht der Gegenwart beeindruckt mit starken Akkorden und Dissonanzen. Das nun zu Ende gehende Jahr huldigt den Neutönern mit zwei schönen neuen Lyrikreihen.

"sich wolkenboote erfinden . . ."

"sich wolkenboote erfinden . . ."© Mike Agliolo/Corbis "sich wolkenboote erfinden . . ."© Mike Agliolo/Corbis

"Noch ist das Lied nicht aus" lautet der Titel einer Anthologie österreichischer Lyrik aus neun Jahrhunderten, die Ulrich Weinzierl 1995 herausgeben hat. Das Buch ist mittlerweile vergriffen, sein Titel jedoch, einem frühen Gedicht Rose Ausländers entlehnt, hat seither nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt. Nach wie vor werden Gedichte geschrieben, gedruckt und gelesen; nach wie vor finden junge Autorinnen und Autoren den Mut, nicht marktkonform mit einem Roman, sondern einem Gedichtband zu debütieren.

Das nun zu Ende gehende Jahr hat auf lyrischem Feld eine reiche Ernte erbracht. Künftige Anthologisten, die in den lyrischen Neuerscheinungen dieses Jahres Umschau halten, auf der Suche nach exemplarischen Arbeiten, werden dabei auf so eindrucksvolle Gedichte stoßen wie das folgende, das den schlichten Titel "Deine Hände" trägt:


"Deine Hände sind schön -/ ach, wie sind deine Hände schön/ was werd ich geben/ um deiner Hände willen?// Deine Hände sagen/ wir sind da/ am Morgen, am Abend/und im Zwischenraum// Deine Hände gleiten/ mir über das Haar/ meine Schultern/ umfassen mich betörend// Träume ich von deinen Händen/ geben sie der knappen Zeit einen Stoß/ bebendes Suchen/ schlaflos ineinander ruhen// Deine Hände schweigen/ wenn es ums Unglück geht/ ziehen sich zusammen,/ knöchelweis für die Kraft.// Nichts will ich, gar nichts/ kein Angora, keine Seide, kein Perlmutt/ bloß sinken in die Zärtlichkeit/ deiner schönen Hände."

Dieses unprätentiöse Liebesgedicht gehört zur poetischen Hinterlassenschaft der früh verstorbenen Wiener Autorin Siglinde Bolbecher. Bis zu ihrem Tod kannte man sie so gut wie ausschließlich als Historikern und Publizistin. Gemeinsam mit ihrem Mann Konstantin Kaiser hat sie die Zeitschrift "Zwischenwelt" in mühevoller Kleinarbeit zu dem gemacht, was sie heute ist: ein Gesprächsforum für alle, die an der Kultur des Exils und des Widerstands lebhaften Anteil nehmen und sich mit ihr schöpferisch auseinandersetzen. Dass Siglinde Bolbecher daneben auch Gedichte schrieb, wussten nur wenige; ihre Lyrik blieb verborgen hinter einer Fülle wissenschaftlicher Aktivitäten.

Ewiges Exil
Ihr zum Gedenken hat der Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, der schon in der Vergangenheit wiederholt durch einschlägige lyrische Publikationen aufgefallen ist, die Lyrikreihe "Nadelstiche" ins Leben gerufen. Bringt der erste Band eine Nachlese von Bolbechers vor Leben vibrierenden Versen, so präsentiert Band zwei unter dem Titel "Niewiederland" die weitgehend unbekannte Lyrik der 1995 verstorbenen Wiener Exilautorin Trude Krakauer.

Von den Nazis ihrer Heimat beraubt, emigrierte Krakauer 1939 nach Kolumbien. Dort engagierte sie sich im "Comité de los Austríacos Libres" und schuf sich eine neue Existenz, arbeitete u. a. auch als Übersetzerin lateinamerikanischer Dichter. Nach Österreich kehrte sie nur noch ein einziges Mal besuchsweise zurück, Anfang der 1980er Jahre; über die Möglichkeit einer Heimkehr machte sie sich damals längst keine Illusionen mehr: "Ich bin nicht Odysseus, ich kehre nicht heim." Die Landschaft ihrer Kindheit und Jugend war ihr zum "Niewiederland" geworden, und "wer seinen Weg im Niewiederland sucht", so wusste sie wohl, "der kommt nirgends an und kehrt nimmermehr heim; / Er geht nur und geht, um zu gehen."

Krakauers Exillyrik ist in allen ihren Entwicklungsstufen von bestechender Klarheit, bildhaft und lapidar. In schmerzwachen Versen leistet sie Trauerarbeit, trauert sie um die Ermordeten. Der oft und gerne bemühten Klischeevorstellung von der Zeit, die alle Wunden heilt, widersetzt die Dichterin sich mit aller Entschiedenheit: "Ich will mir Salz in meine Wunden streun,/ Daß sie die Zeit nicht kühle. Meine Toten/ Sind nur im Schmerz mir nah - so soll er brennen/ Der Zeit zum Trotz, ein Licht in ihrer Nacht./ Der Tod heilt alles, doch solang ich lebe/ Will ich unheilbar sein."

Generationen
Zeitgleich mit der Reihe der Theodor Kramer Gesellschaft haben Nils Jensen, Hannes Vyoral und Sylvia Treudl, drei vielseitige und erfahrene Aktivisten des literarischen Betriebs, die Kleinbuchreihe "Neue Lyrik aus Österreich" aus der Taufe gehoben. Damit hat die von Alois Vogel begründete, später lange Jahre von Manfred Chobot herausgegebene Reihe "Lyrik aus Österreich", die es auf 100 Bände brachte, ehe sie 2004 eingestellt werden musste, endlich eine ebenbürtige Nachfolge gefunden. Die Ähnlichkeiten zwischen beiden Editionen liegen auf der Hand: Die Bände sind hier wie dort schlicht und schmucklos gestaltet, der Reihencharakter wird auf den ersten Blick sichtbar; jeder Band hat einen Umfang von 64 Seiten und kommt ohne Vor- oder Nachwort aus.

Die alte "Lyrik aus Österreich" war geprägt vom friedlichen Nebeneinander verschiedener Generationen und bot eine feine Mischung aus bekannten und neuen Namen. Es steht zu erwarten, dass sich diese Qualitäten auf die neue Reihe übertragen; ihre ersten vier Folgen, die nunmehr vorliegen, deuten jedenfalls darauf hin.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-12-23 19:32:06
Letzte nderung am 2013-12-30 15:11:40



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